Studie: Verschärfter Wettbewerbsdruck im Großanlagenbau

Ergebnisse einer Gemeinschaftsstudie von Management Engineers und der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau: 

  • China und Südkorea setzen Aufholjagd im Markt fort
  • Erhebliches Ergebnispotenzial durch Projekt-Risikomanagement
  • Vertragsgestaltung und -abwicklung sind zentrale Instrumente 

Der Wettbewerbsdruck im Großanlagenbau hat in den vergangenen drei Jahren erheblich zugenommen. Zu dieser Einschätzung kommen die Unternehmensberatung Management Engineers und die VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) auf der Basis einer Umfrage unter 160 Top-Managern des deutschen und europäischen Großanlagenbaus: 92 Prozent der Befragten sagen, der Konkurrenzdruck habe sich seit 2009 spürbar verstärkt  – und sogar 97 Prozent sehen eine nochmalige Verschärfung in den kommenden fünf Jahren.

Südkorea rückt als Wettbewerber in den Fokus

Vor allem Anbieter aus Ostasien heizen den Kampf um Marktanteile an. Die chinesischen Großanlagenbauer sind die derzeit stärksten Herausforderer auf dem Weltmarkt und werden es auch in näherer Zukunft sein. Zuletzt besonders in den Wettbewerbsfokus gerückt sind allerdings die südkoreanischen Anlagenbauer: Verspürten bei der Referenzumfrage 2011 erst gut die Hälfte der Teilnehmer zunehmenden Wettbewerbsdruck von dieser Seite, sind es heute bereits 83 Prozent. Den Unternehmen aus Südkorea gelang dies sowohl durch den Ausbau ihres Produktportfolios als auch durch eine regionale Expansion.

Steigende Angebotskosten und sinkende Hitrates

Das veränderte Wettbewerbsumfeld zeigt Wirkung auf wesentliche Kennzahlen des deutschen Großanlagenbaus. Während die Hitrate – also das Verhältnis von erhaltenen Aufträgen zu abgegebenen Angeboten – von 33 Prozent im Jahr 2009 auf erwartete 27 Prozent im Jahr 2017 sinken wird, nehmen die durchschnittlichen Angebotskosten – gemessen als Anteil am Auftragswert – im gleichen Zeitraum um ein Drittel zu. Hierfür verantwortlich ist nicht nur die wachsende internationale Konkurrenz, sondern auch der Umstand, dass die Zahl der Projekte heute weltweit rund ein Viertel niedriger ist als noch in den Boomjahren 2007 und 2008.

Projekt-Risikomanagement eröffnet Ergebnispotenziale von bis zu 20 Prozent

„Der deutsche Großanlagenbau muss auf diese Herausforderung umfassend reagieren. Maßnahmen, die an den klassischen Projektelementen Preis, Qualität und Zeit ansetzen, gehören ebenso dazu wie Anstrengungen zur Verbesserung der Managementkompetenzen“, so die Einschätzung von Helmut Knauthe, Sprecher der AGAB und Mitglied der Geschäftsführung der ThyssenKrupp Uhde GmbH. „Mit einem erwarteten Ergebnispotenzial von bis zu 20 Prozent bezogen auf die Projektdeckungsbeiträge kommt dem Projekt-Risikomanagement als Instrument zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit besondere Bedeutung zu.“

Marc Artmeyer, Anlagenbauexperte bei Management Engineers, identifiziert darüber hinaus weitere Erfolgsfaktoren speziell für deutsche Unternehmen: „Unsere Umfrage zeigt, dass sich solche Anbieter, die über besondere Kompetenzen als Technologiegeber und im Detail Engineering verfügen, einem vergleichsweise geringeren Wettbewerbsdruck ausgesetzt sehen. Auch bewältigen sie zeitliche Risiken im Projektgeschäft deutlich besser als die Konkurrenz. Gleichwohl müssen auch sie künftig ein noch stärkeres Augenmerk auf ihr Projekt-Risikomanagement legen.“

Die Zeit ist und bleibt das größte Projektrisiko

Die pünktliche Einhaltung von Terminen sehen deutsche Großanlagenbauer – heute  und in Zukunft – als ihr größtes Risiko im Projektgeschäft. Eng hiermit verbunden sind Ausführungsrisiken und kalkulatorische Risiken, die ebenfalls besonders hoch eingeschätzt werden. Vor dem Hintergrund enger werdender Terminpläne und Kundenerwartungen nach schlüsselfertiger Festpreislieferung überrascht dies nicht. Andere Unwägbarkeiten, etwa technischer Art oder bei der Projektplanung, haben die deutschen Anbieter offenbar ebenso im Griff wie finanzielle Projektrisiken, die sich durch Absicherungen sinnvoll reduzieren lassen.

Auf mittlere Sicht wird erwartet, dass Risiken, die sich aus dem Projektumfeld ergeben (zum Beispiel Länderrisiken), an Bedeutung gewinnen – eine Einschätzung, die sich aus der Globalisierung deutscher Anlagenbauer erklärt. In diesem Prozess rücken oftmals Länder und Kunden in schwierigem politischem und gesellschaftlichem Umfeld in den Blickpunkt, verbunden mit einer Zunahme möglicher Unwägbarkeiten.

Risikomanagement baut auf Transparenz, Vertragsgestaltung und Mitarbeiterkompetenz

„Der deutsche Großanlagenbau betreibt schon heute ein intensives Management seiner Projektrisiken. Für die Risiko-Identifikation ist dabei die Sicherstellung maximaler Transparenz das entscheidende Kriterium“, erläutert Artmeyer. Die gängigsten Instrumente hierfür sind die sogenannte Mitlaufende Kalkulation sowie Lieferantenfortschrittsmessung, interne Reviews, Frühwarnsysteme sowie die Nutzung von Kennzahlen.

In der Risikosteuerung genießen alle Fragen rund um die Vertragsgestaltung und Vertragsabwicklung Vorrang. Diese gelten als harte, zumeist unumstößliche Grundprinzipien. „Bei Vertragsschluss ist unsere Flexibilität bei den Preisen deutlich höher als bei der rechtlichen Ausgestaltung – letztere ist ein Bollwerk in unserem Projekt-Risikomanagement“, so bringt es eines der befragten Unternehmen auf den Punkt. Zudem genießen Mitarbeiterentwicklung und -bindung sowie die Sicherstellung höchstmöglicher Prozessexzellenz ebenfalls Priorität auf diesem Feld.   

Unternehmerische Handlungsfelder

In Zukunft werden die Unternehmen diese Aktivitäten weiter verstärken müssen, um eine maximale Transparenz und Effizienz ihres Risikomanagements sicherzustellen. „Ein leistungsfähiges Projektmanagement gekoppelt mit höchster Technologiekompetenz ist die Voraussetzung für den deutschen Anlagenbau, seine Wettbewerbsfähigkeit auch in Zukunft erhalten und ausbauen zu können“, lautet das Fazit von AGAB-Sprecher Knauthe.

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