3D-Simulation für KMUs: Dr. Andreas Wierse, Sicos BW GmbH, im Gespräch

INVENTOR Magazin: Was gab den Ausschlag dafür, den mittelständischen Unternehmen Kapazitäten für die Simulation bereitzustellen?

Dr. Andreas Wierse: Bei der Nutzung von Simulation und Höchstleistungsrechnern gibt es in Baden-Württemberg eine lange Historie bei der Unterstützung von Unternehmen. Bereits in den 80er Jahren standen Ressourcen im Land auch den kleinen und mittelständischen Unternehmen offen.

Große Unternehmen können eine solche Technologie schon sehr früh in ihren Forschungsabteilungen aufgreifen; aufgrund ihrer Größe erreichen sie auch schnell eine kritische Masse an Anwendungen, so dass es sich lohnt, eigenes Personal aufzubauen und die nötigen Investitionen zu tätigen.

Bei kleinen und mittelständischen Unternehmen sieht das ganz anders aus: selbst wenn im Unternehmen die Überzeugung vorhanden ist, dass man von dieser Technik profitieren würde, ist die Hürde zum tatsächlichen Einsatz deutlich höher. Auf der einen Seite muss der Know-how-Aufbau mit denselben Mitarbeitern geleistet werden, die auch das operative Geschäft tragen, und während in großen Unternehmen für jede Fachrichtung ein eigener Mitarbeiter verfügbar ist, können kleine Unternehmen meist froh sein, wenn sie überhaupt einen Mitarbeiter zur Verfügung haben, der sich um alle Themen kümmern kann. Darüber hinaus sind die oft erforderlichen Investitionen von kleinen, aber auch mittleren Unternehmen in der Regel nicht oder nur sehr schwer zu leisten.

Daher soll unser Angebot helfen, genau diese Hürden aus dem Weg zu räumen: wenn die Rechenzeit nach Bedarf genutzt werden kann, entfällt die Investitionshürde. Und um den Know-how-Aufbau zu erleichtern, unterstützen wir die Interessenten dabei, den richtigen Partner zu finden; dieser kann die Unternehmen besonders in der Einstiegsphase entlasten und bei der Entscheidung zwischen der Nutzung von externem Know-how und dem Aufbau eigenen Wissens eine Hilfe sein.

Inventor Magazin: An welche Unternehmen richtet sich das Angebot besonders?

Dr. Andreas Wierse: Der Schwerpunkt liegt ganz klar auf kleinen und mittelständischen Unternehmen mit Fokus (aber nicht eingeschränkt!) auf Baden-Württemberg. Da bei unseren Gesellschaftern, dem Karlsruher Institut für Technologie und der Universität Stuttgart, die ingenieurtechnischen und naturwissenschaftlichen Themen im Höchstleistungsrechnen, dem Handhaben großer Datenmengen und bei verteilten Systemen (Stichwort: Cloud Computing) den größten Teil der Nutzer ausmachen, sind hier die Voraussetzungen natürlich besonders gut. Wir sind aber auch offen für andere Anwendungsfelder wie zum Beispiel die Bio-Informatik oder den Bereich Wirtschaft und Finanzen.

 

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Dr. Andreas Wierse, Geschäftsführer der Sicos BW GmbH: „Unser Ziel liegt nicht darin, ein möglichst gewinnträchtiges Geschäft aufzubauen; vielmehr versuchen wir, den kleinen und mittelständischen Unternehmen besonders in der Phase, in der sie für kommerzielle Anbieter noch nicht „lukrativ“ genug sind, zu helfen. Wir betreiben an dieser Stelle eher das, was man neudeutsch „Business Development“ nennt.“

 

Inventor Magazin: Wo liegen heute die typischen Herausforderungen, was den Einsatz von Simulationstechnologien in mittelständischen Unternehmen betrifft?

Dr. Andreas Wierse: Wenn sich ein mittelständisches Unternehmen dazu entschließt, Simulation einzusetzen, gilt es eine Reihe von Fragen zu beantworten:

  • Was genau ist das Problem, das ich mithilfe der Simulation lösen möchte?
  • Welche Werkzeuge sind dazu geeignet?
  • Was muss ich selbst tun, wo kann ich mit einem Partner zusammenarbeiten?
  • Wo finde ich den richtigen Partner?
  • Mit welchen Investitionen muss ich rechnen (Einarbeitungszeit, Lernkurve, Software- und Hardwarekosten, Dienstleistung, usw.)?
  • Wie sieht mein „Return on Investment“ aus, rechnet sich das überhaupt?

Von all diesen Fragen ist gerade für mittelständische Unternehmen die letzte Frage eine besonders kritische. Und da es schwer, oft sogar unmöglich ist, diese Frage zuverlässig zu beantworten, bevor man mit der Arbeit überhaupt beginnt, liegt hier sicher die größte Herausforderung.

Da die Technologie als solche teilweise bereits seit Jahrzehnten eingesetzt wird, lassen sich die Risiken auf der technischen Seite recht gut einschätzen: man kann auf die Erfahrungen, die große Unternehmen bereits gesammelt haben, recht gut zurückgreifen.

Inventor Magazin: Können Sie uns ein Beispiel aus der Praxis nennen?

Dr. Andreas Wierse: Die Firma Recom Services (zwölf Mitarbeiter) hat einen eigenen Simulationscode entwickelt, der Kraftwerksbauer dabei unterstützt, ihre Brennkammern so zu gestalten, dass der Wirkungsgrad möglichst hoch und die Schadstoffbildung möglichst gering ist. Da man diese Kammern nicht einfach für ein Experiment nachbauen kann, ist die Simulation der bei weitem aussagekräftigste Weg für die Analyse der Verhältnisse in der Brennkammer. Das Unternehmen könnte sich die Rechenkapazität, die für die Simulation der Strömungsverhältnisse in den riesigen Brennkammern (70 Meter Höhe und mehr) erforderlich ist, nie selbst kaufen. Die Nutzung der Höchstleistungsrechner stellt hier also einen ganz wesentlichen Baustein der Geschäftsstrategie dar, ohne den die Firma ihre Dienstleistung gar nicht anbieten könnte.

Inventor Magazin: An welchen Stellen setzt hier das Angebot von Sicos BW an?

Dr. Andreas Wierse: Wir versuchen, den Unternehmen ein Führer durch die Welt der Simulation zu sein. Das beginnt ganz allgemein mit der Information; wir führen entsprechende Veranstaltungen durch, auf denen sich Interessenten zum Thema Simulation informieren können. Bei weitergehendem Interesse setzen wir uns mit den Unternehmen zusammen, versuchen, die oben genannten Fragen gemeinsam zu beantworten und unterstützen sie dann dabei, eine funktionsfähige Arbeitskonstellation zu entwickeln. Im Idealfall ist das Unternehmen am Ende in der Lage, die Simulation eigenständig oder mit passenden Partnern in ihren Entwicklungsprozess einzubinden.

Inventor Magazin: Die Softwarehersteller aus dem Simulationsumfeld wie Ansys oder CD-adapco haben Cloud-Lösungen im Angebot. Wo liegt der Unterschied?

Dr. Andreas Wierse: Ganz einfach: Bei uns geht es gar nicht darum, eine Cloud-Lösung anzubieten, sondern den Unternehmen dabei zu helfen, die richtige Lösung zu finden; mit CD-Adapco arbeiten wir sogar sehr eng zusammen. Da sowohl wir als auch unsere Gesellschafter letztlich aus Steuergeldern finanziert werden, liegt unser Ziel nicht darin, ein möglichst gewinnträchtiges Geschäft aufzubauen; vielmehr versuchen wir, den kleinen und mittelständischen Unternehmen besonders in der Phase, in der sie für kommerzielle Anbieter noch nicht „lukrativ“ genug sind, zu helfen.  Wir betreiben an dieser Stelle eher das, was man neudeutsch „Business Development“ nennt.

 

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Bild: Simulationsergebnisse werden in der CAVE anschaulich.

Inventor Magazin: Wie werden die Leistungen beim Kunden abgerechnet?

Dr. Andreas Wierse: Die Beratungsdienstleistung, die wir bei Sicos BW erbringen, ist kostenlos. Die Rechenzeit, die auf den Höchstleistungsrechnern in Anspruch genommen wird, muss von den Kunden bezahlt werden. Die Preisgestaltung erfolgt dabei nach strengen Regeln und orientiert sich am Markt; sie ist aber durchaus attraktiv.

Wenn kommerzielle Software zum Einsatz kommt, oder Partner eine anwendungsspezifische Beratung bieten, muss diese von den Unternehmen bezahlt werden. Wir bemühen uns aber, geeignete Förderungsmöglichkeiten zu vermitteln.

Inventor Magazin: Inwiefern fließen auch die Erfahrungen der Anwender und Kunden wieder mit in die angebotenen Lösungen ein?

Dr. Andreas Wierse: Wir verfolgen die Projekte unserer Nutzer regelmäßig und versuchen auch im Interesse künftiger Interessenten, die dort gewonnenen Erfahrungen aufzunehmen. Dadurch entsteht ein stetig wachsender Kompetenzatlas, der die Basis für die Beratung immer weiter verbessert.

Inventor Magazin: Mit der bekannt gewordenen Tätigkeit der Geheimdienste ist auch das Thema Industriespionage wieder ein Tagesordnungspunkt geworden. Die Fertigungsunternehmen geben ihre Daten nur sehr ungern aus der Hand. Wie begegnen sie dieser Haltung?

Dr. Andreas Wierse: Dies ist eine sehr ernstzunehmende Fragestellung. Wir haben in den letzten zwölf Monaten ein komplett neues Sicherheitskonzept entwickelt, das die Anforderungen berücksichtigt, die letztlich alle Unternehmen haben, die sich mit Entwicklung jedweder Art beschäftigen. Wir stehen im ständigen Austausch mit den Sicherheitsexperten sowohl unserer Gesellschafter als auch unserer großen Kunden (wie zum Beispiel Porsche). Die Messlatte liegt hier in der Tat sehr hoch, der Kompromiss zwischen größtmöglicher Sicherheit und der Möglichkeit, die Simulation auch effizient in die jeweiligen Entwicklungsprozesse einzubinden, wird permanent neu ausgehandelt.

Dabei unterscheiden wir nicht zwischen den Anforderungen großer und kleiner Unternehmen, denn spätestens, wenn ein kleines Unternehmen Aufträge eines großen Unternehmens übernimmt, gelten hier dieselben Regeln. Und während ein Sicherheitsproblem für große Unternehmen ärgerlich und oft sehr teuer ist, ist es für ein kleines Unternehmen fast immer existenziell! Wir sind uns dieser Verantwortung bewusst.

Inventor Magazin: Wie werden die Anwender Ihrer Meinung nach in, sagen wir mal fünf Jahren mit Simulationssoftware arbeiten?

Dr. Andreas Wierse: Die Leistungsfähigkeit moderner Rechner wächst nach wie vor, allerdings ist die Software-Industrie noch mitten im Prozess, die zunehmend massiv-parallelen Architekturen aufzunehmen. In fünf Jahren dürften wir hier deutlich weiter sein, so dass sich die Problemgrößen weiterentwickelt und die Detaillierungsgrade erhöht haben werden. Dies wird auch umfassendere Simulationen erlauben, die nicht nur einzelne Teilfragestellungen zum Inhalt haben, sondern auch stärker gesamtheitliche Betrachtungen zulassen werden.

Darüber hinaus hoffen wir, dass die Benutzung der Simulationssoftware in den nächsten Jahren entscheidend weiterkommt. Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen ist es besonders wichtig, dass der Umgang mit der Software schnell zu erlernen ist und der Einsatz im täglichen Betrieb robust und stabil funktioniert (auch und gerade wenn man sie nur gelegentlich nutzt).

Inventor Magazin: Herr Dr. Wierse, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Andreas Müller.

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