Antriebe für Bagger, Kräne und Baumaschinen

Von Chris Liebermann

Der Antriebsspezialist Bonfiglioli erweitert mit drei neuen Baugrößen die Fahrantriebsserie 700 seiner Produktlinie Bonfiglioli Trasmital und tritt damit in neue Größenordnungen ein. Das Unternehmen beweist aber darüber hinaus, dass derartige Giganten auch elektrisch betrieben werden können.
Sein Durchmesser beträgt einen guten Meter, sein Gewicht 2,8 Tonnen: Der neue, mit dem Typ 726C bezeichnete größte Fahrantrieb der Serie. 625.000 Newtonmeter maximales Drehmoment kann er erzeugen, mal zwei genommen wird also eine Kraft von 1,25 Millionen Newtonmeter auf die Raupenketten der Baumaschine gebracht. Und mal zwei genommen gilt auch für die Hydraulikmotoren pro Fahrantrieb: Auf der Eintriebseite warten jeweils zwei Adapter für Hydraulikmotoren der Größe 160 zugelassener renommierter Hersteller. Dadurch wird der Antrieb auch in der Länge mächtig: 1,23 Meter misst er bis zum Anschluss der Motoren. „Ins Fahrwerk gigantischer Maschinen wie beispielsweise 350-Tonnen-Mining-Bagger passt der Antrieb gut hinein“, zeigt sich Fausto Carboni, Chef der Geschäftseinheit Mobile von Bonfiglioli, überzeugt. 

Riesig und hydraulisch

Vier Untersetzungen von 1:249, 284, 326 und 529 stehen zur Verfügung, um der Gesamtbreite der Geschwindigkeitsanforderungen gerecht werden zu können. Der Fahrantrieb 726C ist somit prädestiniert für häufig bewegte Bagger wie auch für Schwerlast-Raupenkräne und andere Baumaschinen-Giganten. Dabei sorgen pro Fahrantrieb zwei innen liegende Scheibenbremsen mit je 1.200 Newtonmetern Bremsmoment für sicheren Halt. Carboni: „Sicherheit und vor allem Zuverlässigkeit ist das Merkenzeichen unserer Fahrantriebe der Serie 700 – von der kleinsten Baugröße mit 1.000 bis zur jetzt größten mit 625.000 Newtonmetern.“
Ebenfalls neu sind die im Vergleich kleineren Fahrantriebstypen 722C und 724C. Mit ihren maximalen Drehmomenten von 330.000 beziehungsweise 450.000 Newtonmetern gehören aber auch sie schon zu den Giganten ihrer Art. Die Baugröße 722C zielt auf Baumaschinen der 230-Tonnen- und Bagger der 150-Tonnen-Klasse, während die Baugröße 724C speziell für Raupenkräne und Drehgeräte der 300-Tonnen-Klasse ausgelegt ist. Die zwei Fahrantriebstypen wiegen zwar beide 1.300 Kilogramm, sind aber passend zu den unterschiedlichen Anforderungen speziell konstruiert, was die geometrischen Dimensionen der beiden Fahrantriebe deutlich machen. Der stärkere Raupenantrieb fällt kleiner aus als der schwächere so genannte Standardantrieb, der auch als Radantrieb einsetzbar ist. Die beiden Fahrantriebe bieten die Auswahl von Untersetzungen von 1:161 bis 1:492 (722C) sowie 1:352, 432, 520 und 566 (724C). 

Es geht aber auch komplett elektrisch

Mit rund 25 Metern Länge und gut fünf Metern Höhe kommt der mobile Brecher von Baioni mit der Bezeichnung Baitrack BP 130/85 B riesig daher. Die Brechereinheit ist zentral positioniert, die Zuführung mit Einschütttrichter auf der einen sowie Sieb- und Förderanlagen auf der anderen. An sich nichts besonderes, wären da nicht schon von weitem einige Elektromotoren zu sehen. Etwas versteckt im Fahrwerk kann man Elektromotoren auch als Fahrantriebe erkennen.
Wie ein Dinosaurier an der Leine sieht es aus, wenn sich die Maschine fortbewegt, denn die rein elektrisch angetriebene Maschine wird direkt am Stromnetz betrieben. Der Einsatzbereich mag dadurch eingeschränkt werden, aber die Vorteile gegenüber der konventionellen hydraulischen Antriebstechnik liegen auf der Hand: höhere Energieeffizienz, geringere Betriebskosten, geringere Wartungskosten, kein Ölkreislauf mit der Gefahr von Verlusten und dem Zwang zum Filterwechsel. Überhaupt reduziert sich der Einsatz von Flüssigkeiten fast gegen null: kein Diesel, kein Kühlwasser, nur etwas Schmierung für die bewegten Teile des Brechers an sich. Insgesamt erzeugt die Maschine also eine geringere Umweltbelastung und kann gleichzeitig sanfter und akkurater gefahren werden. Für Brecher sind diese Eigenschaften auch auf der Baustelle gut zu erreichen, da sie während des Einsatzes häufig quasi-stationär betrieben werden. 

Partner mit breitem Produktspektrum

Antriebstechnischer Partner von Baioni ist der Antriebsspezialist Bonfiglioli, der mit seiner Produktlinie Bonfiglioli Trasmital schon seit Jahrzehnten als weltweit anerkannter Lieferant für Fahr- und Schwenkantriebe für mobile Arbeitsmaschinen gilt. Bislang lag der Produktschwerpunkt auf hydraulischen Planetengetriebemotoren, die ganz speziell für ihren Einsatzzweck zusammen mit den Kunden konstruiert wurden. Im Zeichen der Entwicklung hin zu höherer Energieeffizienz lag es nahe, sich weiterer Produkte des Konzernverbunds zu bedienen. Bonfiglioli gilt auch bei elektrischen Getriebemotoren und Antriebselektronik als einer der Marktführer in Europa.
Die schon seit Jahren erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Baioni und Bonfiglioli war eine gesunde Grundlage für die antriebstechnische Elektrifizierung des Brechers. Die applikationsspezifischen Eigenschaften und Forderungen waren zügig erarbeitet, die Baioni-spezifischen Forderungen von Anfang an bekannt. Die Teams für Entwicklung und Test fanden schnell zusammen und die Kommunikation lief auf bekannten Wegen. Aber auch ohne diese guten Voraussetzungen wäre die Lösung sehr zeitnah entwickelt worden. Der große Erfahrungsschatz der Bonfiglioli-Mitarbeiter minimiert bei jedem Neuprojekt das Risiko durch Unbekanntes. 

Fahrantriebslösungen für alle Größenklassen

Am Ende findet nun die Kombination aus elektrischem Planetengetriebemotor und Frequenzumrichter ihren Einsatz in dem über 100 Tonnen schweren Koloss. Mit rund 130.000 Newtonmetern maximalem Drehmoment pro Antrieb bewegt sich der Brecher auf seinen Ketten beinahe seidenweich und millimetergenau. Mit einem klassischen vierpoligen IEC-Motor aus dem Bonfiglioli-Baukasten mit einer Leistung von 30 Kilowatt bestückt, bringt jeder der beiden Fahrantriebe zugleich ein hohes Park-Bremsmoment. Umgesetzt werden die Kräfte durch ein Planetengetriebe mit einer Untersetzung von i = 1:410. Die Typenbezeichnung 717C4B ist der Name dieses Fahrantriebs für Maschinen der 100-Tonnen-Klasse. Die Steuerung übernimmt der passende Umrichter der hauseigenen Bonfiglioli-Serie Active mit einer Anschlussspannung von 400 Volt.
Für die kleineren Brüder des Brechers konnten beinahe gleichzeitig die Antriebslösungen gefunden werden. Der große konzernübergreifende Produktbaukasten des Familienunternehmens Bonfiglioli mit Sitz in Bologna macht es möglich. Die Maschine der 80-Tonnen-Klasse wird mit dem Fahrantrieb 715C4B ausgerüstet, der ein maximales Drehmoment von 85.000 Newtonmetern bringt, und der Brecher der 40-Tonnen-Klasse erhält den 710C4B mit einem Spitzenmoment von 36.000 Newtonmetern. Die entsprechenden Motoren liefert Bonfigliolis Business Unit Industrial Solutions, die Frequenzum-richter werden in Krefeld im Kompetenzzentrum für Antriebselektronik mit dem Namen Bonfiglioli Vectron entwickelt und produziert. 

Systemgrenzen sind gefallen

Kompetenz, Erfahrung und ein umfassendes Produktspektrum machen es den Fachleuten von Bonfiglioli recht einfach, die optimale Antriebslösung für große Tiefbaumaschinen bis hin zu den Brechern von Baioni auszulegen und zu liefern. Die Systemgrenzen zwischen Hydraulik und Elektrik als Antriebstechnik für Baumaschinen sind gefallen, beide sind möglich. „Wir freuen uns auf die nächsten Projekte, ganz gleich ob hydraulisch oder elektrisch“, fasst der Leiter der Bonfiglioli Business Unit Mobile Solutions, Fausto Carboni, mit großer Zuversicht zusammen.  (anm)

  • Einbausituation des hydraulischen Fahrantriebs von Bonfiglioli in ein Raupenfahrgestell.
  • CAD-Bild des elektrischen Fahrantriebs der Serie 7xxC4B von Bonfiglioli.
  • Fahrantrieb der Serie 700C mit Zahnkranz.
  • Aktuelles Spitzenmodell der Serie 700C von Bonfiglioli: Fahrantrieb 726C mit 625.000 Newtonmetern Drehmoment.
  • Konstruktionsbild des Fahrantriebs 722C.
  • Konstruktionsbild des Fahrantriebs 724C.
  • Fahrantriebe für Mini- bis zum Mining-Bagger der 350-Tonnen-Klasse: Serie 700C von Bonfiglioli.
RSS Feed

Entdecken Sie die Printmagazine des WIN-Verlags