BIM, Cloud & Mobile Computing im Industriebau: Es passiert sehr viel

AUTOCAD Magazin: Industriebau ist ein sehr weiter Begriff. Wie würden Sie ihn definieren?

Alan Lamont: Ob Tief-, Hoch- oder Industriebau, alle haben Gemeinsamkeiten im Ablauf der Prozesse vom Entwurf bis hin zur Inbetriebnahme und dem nachfolgenden Facility Management. Alle Projekte beziehen sich auf ein Grundstück, umfassen den Bau von Straßen, Fußwegen und wahrscheinlich Parkplätzen, müssen Strom, Wasser und Entsorgungsmöglichkeiten einkalkulieren und Aspekte der Energiewirtschaftlichkeit und optimalen Ausnutzung von Flächen berücksichtigen sowie sich nach diversen Normen richten – und das alles möglichst kostengünstig und schnell.

Jedes Bauprojekt muss also aus unterschiedlichen Betrachtungswinkeln geplant und gebaut werden; ein Gebäude sollte nicht als alleinstehendes Merkmal betrachtet werden, sondern im Kontext seiner Umgebung. Deswegen sind alle Bentley-Produkte miteinander kompatibel und jedes Modell und jede Zeichnung ist auf jedem Geokoordinaten-System genau positioniert.

 

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Alan Lamont, Vice President Building International bei Bentley Systems: „Jedes Bauprojekt muss also aus unterschiedlichen Betrachtungswinkeln geplant und gebaut werden; ein Gebäude sollte nicht als alleinstehendes Merkmal betrachtet werden, sondern im Kontext seiner Umgebung.“

AUTOCAD Magazin: Wo liegen derzeit die Schwerpunkte des Industriebaus in Deutschland?

Alan Lamont: Hoch im Kurs steht das Thema BIM, und das gleichermaßen im In- und Ausland. Die Frage lautet eigentlich: Was ist BIM?

Dass viele Projekte letztendlich doch über das Budget gehen und/oder nicht planmäßig fertiggestellt werden, hängt meist mit der fehlenden Zusammenarbeit der diversen involvierten Parteien zusammen.

Der Schwerpunkt liegt also in der Förderung der Zusammenarbeit der diversen Projektbeteiligten und darin, wie man die einzelnen Verantwortlichkeiten und Genehmigungsprozesse unterstützt. Bentley Systems hat mit ProjectWise über 17 Jahre Erfahrungen auf dem Gebiet des Zusammenspiels zwischen allen Projektbeteiligten gesammelt und Prozesse in der Industrie mitentwickelt und mit weiteren Produkten unterstützt.

Mit ProjectWise bekommen sämtliche Projektbeteiligten Zugriff auf alle Daten in der aktuellen Version. Das heißt, dass jeder Projektbeteiligte immer und überall auf aktuelle Daten sofort zugreifen kann. ProjectWise arbeitet mit unterschiedlichen Formaten wie Tekla, Autodesk, Bentley, Microsoft usw. Unterstützend dazu existieren Genehmigungsprozesse und die Zuordnung von Verantwortlichkeiten als Standardfunktionen von ProjectWise. Das Audit Trail ist ebenfalls interessant, da jede Veränderung gespeichert wird.

Die Bauindustrie sowie Architekten und Bauherren verstehen diese Entwicklung langsam aber sicher auch. BIM ist kein einzelnes Produkt, sondern ein Prozess.

AUTOCAD Magazin: Welche besonderen Anforderungen stellt der Industriebau an das Zusammenspiel der verschiedenen Gewerke?

Alan Lamont: Wenn man den Ablauf eines Projekts betrachtet, versucht man, die besten Ressourcen für das jeweilige Bauprojekt zusammenzustellen. Kompliziert wird es, wenn solche Projekte in anderen Ländern verwirklicht werden müssen.

Jede Disziplin braucht meist ein spezielles Software-Produkt, um bestmögliche Daten oder Berechnungen liefern zu können. Wir bei Bentley gehen daher davon aus, dass es immer unterschiedliche Produkte geben wird. Wir haben es uns daher zur Aufgabe gemacht, das Zusammenspiel zwischen diesen Produkten mit möglichst geringem Datenverlust zu bewältigen.

AUTOCAD Magazin: Können Sie uns ein Beispiel für einen typischen Arbeitsablauf nennen?

Alan Lamont: Diese Strategie wird bereits bei einigen unserer Kunden in Deutschland seit Jahren in der Praxis umgesetzt. Einige Anwender haben über die Jahre mit der Kombination aus Bentley-Desktop-Produkten, Fremdsoftwareformaten und unserer ProjectWise-Lösung die Planung und Durchführung sämtlicher Bauprojekte bewältigt und anschließend diese Daten für unternehmensinterne Funktionen zur Verfügung gestellt. Somit sind alle Abteilungen innerhalb des Unternehmens in der Lage, genaue Informationen über Flächen, Nutzung, Kosten, aktuelle Umbauten unter- sowie überirdisch zu jedem Zeitpunkt zu bekommen. Das heißt, es sind genaue Kosten- und Zeitplanungen möglich. Alle Abteilungen arbeiten auf Basis der aktuellen in ProjectWise und Bentley Facilities gelagerten Daten.

AUTOCAD Magazin: Gerade in der Autoindustrie werden die Fertigungslinien schon in sehr frühen Phasen auf das spätere Produkt hin optimiert, zum Beispiel werden Roboter, Arbeitsabläufe, Platzbedarf simuliert. Wie lässt sich dies mit der Planung der entsprechenden Gebäude synchronisieren?

Alan Lamont: Auch in der Automobilindustrie werden Bentley-Produkte als zentraler Kern der Digitalfabrik eingesetzt. Dort sind die Abläufe der Autofirmen wie Daimler, Volkswagen oder BMW unterschiedlich, zielen aber auch auf das Einbinden der Zulieferer, der Entwicklung (Karosserie sowie Motoren), Prozessplaner und Gebäudeplanung ab. Ziel war es, dass alle Abteilungen in einer Digitalfabrik möglichst alle Ungereimtheiten früh erkennen und als Team beseitigen. Dies ermöglicht heute das rechtzeitige Fertigstellen der Fabrikhallen und das Vermeiden von Kollisionen auf der Baustelle.

Auch bei der Datenübernahme aus anderen Systemen haben wir mit der Automobilindustrie zusammengearbeitet. Ebenso mit Siemens an der JT-Schnittstelle, um eine komplette Fabrik in jedem Detail modellieren zu können.

AUTOCAD Magazin: Wie spiegeln sich diese Möglichkeiten der Zusammenarbeit in der Funktionalität der Software wider und auf welche Weise wird der Datenaustausch gewährleistet?

Alan Lamont: Bentley verfolgt eine Strategie, bei der jeder die Hoheit über seine Daten hat und wahrscheinlich jeder Anwender ein anderes Produkt einsetzt. Die erstellten Daten werden aber anderen zur Verfügung gestellt, wobei Zugriffsrechte regeln, ob diese Daten angesehen und auch gegebenenfalls verändert werden dürfen.  Dieses so genannte „Federated Model“ ermöglicht eine maximale Flexibilität und lässt die Verantwortung dort, wo sie hingehört, nämlich beim Ersteller der Daten.

Wir setzen auf Industriestandards wie die JT-Schnittstelle, IFC, XML usw. Aber oft reichen diese Definitionen nicht, um jede Disziplin bei der Arbeit zu unterstützen.

Wenn man den tatsächlichen Ablauf eines Projekts betrachtet, ist jeder für seinen Teil verantwortlich. Dies bleibt während des Projekts so, und der Verantwortliche ist der einzige, der das Original verändern darf. Ein potenzielles Problem tritt dann auf, wenn ein Modell im ursprünglichen Format anderen zur Verfügung gestellt wird. Es besteht das Risiko, dass Änderungen vorgenommen werden können und sich auf diese Weise Chaos ins Projekt einschleicht.

Deshalb haben wir kürzlich eine interessante Ergänzung auf dem Markt eingeführt, die bei anderen Softwareherstellen Anklang gefunden hat. Das so genannte i-model ermöglicht, dass jedes Projektmitglied seine Daten in einem kompakten Format, aber mit allen Attributen für die einzelnen Objekte abgeben kann. Dabei ist das geistige Eigentumsrecht weitgehend geschützt, denn das i-model ist nicht veränderbar. Jeder andere kann aber beispielsweise Kollisionsprüfungen, Vergleiche zu vorherigen Versionen, Renderings oder Mengenermittlung durchführen.

AUTOCAD Magazin: Gesetzliche Vorschriften führen zu immer höheren Anforderungen an die Energieeffizienz der Produktion, die Klimatechnik, die Abwasserreinigung usw. Wie kann die Software dabei den Anwender bei der Umsetzung unterstützen?

Alan Lamont: Es geht hier darum, mögliche Kombinationen zu prüfen. Analytische Produkte wie Bentleys Hevacomp Simulator erlauben grobe sowie feine Analysen mit dem Austausch von Bauelementen wie Fassaden, Wandmaterialen und Verglasungen. Simulator tauscht Daten zwischen AECOsim Building Designer aus, so dass Änderungen auf der Designseite oder auf der analytischen Seite einfach übernommen werden können.

AUTOCAD Magazin: Mobiles Computing steht derzeit hoch im Kurs. Gerade im Bereich der Augmented Reality werden zunehmend Lösungen angeboten, mit denen sich zum Beispiel 3D-Planungsdaten vor Ort mit realen Bildern überblenden lassen, um die Planung zu optimieren. Inwieweit spielen solche Lösungen für Bentley eine Rolle?

Alan Lamont: Ein Projekt besteht aus unterschiedlichen Daten. Das alles auf ein mobiles Gerät zu bringen, ist heute mit ProjectWise, Navigator und unserem Structrual Viewer möglich. Stellen Sie sich vor, sie hätten heute Nachmittag ein Projektgespräch, müssten aber noch sämtliche Zeichnungen und andere Dokumente suchen und mitnehmen. Das ist mit ProjektWise passé. Sie laden die Daten, die Sie benötigen, einfach auf Ihr iPad herunter. Alle Kommentare werden dort markiert und sofort auf den Zentralrechner hochgeladen und an den zuständigen Mitarbeiter weitergeleitet.

AUTOCAD Magazin: Welche Trends lassen sich derzeit im Industriebau erkennen?

Alan Lamont: Es passiert sehr viel, insbesondere im Bereich des Laserscannings zur Erfassung von Bauarbeiten. Gerade dieses Segment erlaubt eine schnelle Erfassung auf der Baustelle und das Überlagern des Modells, sodass ein Abgleich zwischen Modell und Wirklichkeit möglich ist. Das Modell wird an die Gegebenheiten angepasst. Somit werden mögliche Fehler sehr früh erkannt und an die anderen Gewerke weitergegeben.

Generative Modelling ist auch ein Thema, das sich langsam durchsetzt. Bentley’s Generative Components bietet die Möglichkeit, Entwurf und vollwertiges BIM-Modell als einen Prozess zu betrachten. Varianten können schnell modelliert und verändert werden unter Berücksichtigung von Parametern wie Sonneneinstrahlung, Schattenwurf, Wind- und Wettereinflüssen oder Kosten, die das Modell in realistischem Rahmen halten. Dies lässt sich gezielt für einen Teil oder für das gesamte Gebäude einsetzen. Generative Modelling wird alles noch einmal verändern.

AUTOCAD Magazin: Herr Lamont, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Andreas Müller.

  • Bentley-Hypermodell: Zeichnungen können jederzeit im Modell dargestellt werden.
  • Generative Components: Fassadendesign mit Analyse.
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