Im Gespräch: Ernst Bohnhardt über Schulungskonzepte

AUTOCAD Magazin: Wie muss denn für Sie ein ideales Schulungskonzept aussehen?

Ernst Bohnhardt: Ein Schulungskonzept müsste bei den Grundlagen anfangen. Wenn wir die Technologie heute sehen, die uns Autodesk in AutoCAD, Inventor oder Revit zur Verfügung stellt, dann gilt es nicht nur, die Funktionalität des Programms in den Vordergrund zu stellen, sondern sich auch mit den Grundlagen zu beschäftigen. Man sollte sich also Zeit nehmen, die Programme wirklich auch von der Pike auf mit allen Funktionen zu vermitteln, und das würde bei AutoCAD etwa bedeuten, dass ein Grundlehrgang in AutoCAD in Vollzeitform wenigstens eine Woche dauern sollte.

AUTOCAD Magazin: Wo sehen Sie Defizite bei aktuellen Schulungskonzepten?

Ernst Bohnhardt: Bedingt durch den wirtschaftlichen Druck, wird oft versucht, viele Inhalte in möglichst kurze Zeit zu packen. Ein solches Vorgehen nimmt natürlich keine Rücksicht auf den Anwender. Der wird mit seinen Problemen allein gelassen. Man setzt sich zwei bis drei Tage mit ihm zusammen und erklärt ihm einige Dinge. Das ist zwar richtig und vernünftig, aber man holt ihn nicht da ab, wo er eigentlich steht, nämlich am Anfang.

AUTOCAD Magazin:  Wie unterstützen die Softwareanbieter, in dem Fall Autodesk, die Anbieter von Schulungen?

Ernst Bohnhardt: Durch die autorisierten Trainingszentren gewährleistet Autodesk ein bestimmtes Qualitätsniveau. Auch das Konzept der Certified Professionals ist eine ganz wichtige Sache. Ich halte es für ganz entscheidend, dass Lehrgänge im CAD-Bereich von versierten Praktikern durchgeführt werden, die möglichst mehrere Jahre Anwendungserfahrung mitbringen. Dann erhält der Anwender in seinen praktischen Problemen Hilfe. Hier ist der Ansatz von Autodesk mit den autorisierten Trainingszentren sehr sinnvoll. Auch dass das Wissen durch die Prüfung zum Certified Professional dokumentiert ist, halte ich für wichtig.

AUTOCAD Magazin: Inwiefern ist es denn möglich, als Schulungsanbieter auf die ganz individuellen Anforderungen der Kunden und der Firmen einzugehen?

Ernst Bohnhardt: Hier bieten sich Kleingruppenlehrgänge und Individualschulungen an. Wir geben uns im Vorfeld sehr viel Mühe zu schauen, wo der Kunde steht und welche Probleme er hat. Entscheidend ist: Was braucht der Kunde? Wo muss er abgeholt werden? Viele Individualschulungen finden mit nur zwei oder drei Teilnehmern statt, die Gruppenschulungen bei uns im Haus mit maximal acht Teilnehmern.

AUTOCAD Magazin: Sind denn die Kunden in der Lage, ihre Anforderungen auch zielgerichtet zu formulieren?
Ernst Bohnhardt: Hier sind wir natürlich gefordert. Mit unserer praktischen Erfahrung müssen wir beim Kunden herausfinden, ob die Lösung, die er sich vorstellt, die richtige ist. Da kann es passieren, dass ein Kunde bestimmte Vorstellungen hat und wir ihm dann ein anderen Weg empfehlen. Darüber diskutiert man dann, findet die richtige Lösung und wir schulen die Mitarbeiter entsprechend. Oft schreiben wir noch eine kleine Applikation oder nehmen eine kleine Anpassung vor. Mit einer einfachen Werkzeugpalette und ein paar Makros ist vielen Anwendern schon geholfen.

AUTOCAD Magazin: Können Sie uns, bitte, ein Beispiel nennen, wie die Umsetzung beim Kunden typischerweise aussieht?

Ernst Bohnhardt: Wir haben Kunden aus unterschiedlichen Branchen wie der Lebensmittelindustrie, der Holzverarbeitung oder der Metallverarbeitung. Natürlich gibt es eine Reihe von Problemen, die bei allen Kunden auftreten. Aber in der Lebensmittelindustrie müssen etwa in Grundrisszeichnungen Hygienebereiche definiert werden, ein Problem, das in der Metallindustrie nicht auftaucht. Wir beschäftigen uns intensiv mit Grundrisszeichnungen und Gebäudeaufmaßen. Sie können als Architekt auf den Grundriss schauen, als Brandschützer oder als Fabrikplaner. So hat jeder Projektbeteiligte seine Wünsche an die Darstellung, und es braucht eine universelle Grundrisszeichnung, die bei allen Gewerken am Bau Akzeptanz findet. In einer Zeichnung mit 200, 300 Layern will sich kein Anwender durch die Layerstrukturen kämpfen. Er will auf den Knopf drücken und die benötigte Zeichnung sehen. Hier bieten die Lösungen von Autodesk hervorragende Möglichkeiten. Leider werden sie nicht ausreichend in Anspruch genommen.

AUTOCAD Magazin: Woran liegt es, dass die Möglichkeiten der Software nicht genutzt werden?

Ernst Bohnhardt: Der wirtschaftliche Gedanke führt hier zu falschen Schlussfolgerungen. Die Kosten für eine CAD-Installation setzen sich aus der Hardware, der Software mit Subskriptionsvertrag und den pro Jahr für den Betrieb aufzuwendenden Kosten zusammen. Der Kostenfaktor Mensch jedoch übersteigt die Kosten für die CAD-Anlage um das 10- bis 15-fache. Wenn der Anwender vernünftig geschult ist, motiviert ist und Lust hat, mit der Software zu arbeiten, dann sehen die Ergebnisse anders aus, als wenn Sie jemanden haben, der durch wirtschaftlichen Druck gezwungen wird, Anwendungen zu praktizieren, die dann einfach nicht zur gewünschten Lösung führen. Aber zugegeben: da haben die Kaufleute ernste Probleme, den Nutzen vernünftig zu bewerten. Wenn jemand in den Lehrgang kommt, der nur lernen muss, weil er sonst seine Stelle verliert, ist das natürlich etwas anderes, als wenn jemand darauf brennt, seine Arbeit besser zu machen. Das lässt sich in Geld so nicht ausdrücken.

AUTOCAD Magazin: Es gibt also keine objektiven Kriterien …

Ernst Bohnhardt: Wenn jemand die Prüfung zum Certified Professional abgelegt hat, dann hat er schon einmal einen bestimmten Wissensstand dokumentiert. Ich habe in meiner langjährigen Praxis im Umgang mit AutoCAD viele Mitarbeiter kennengelernt, die von sich behaupten, sie könnten mit AutoCAD umgehen und bei näherer Nachfrage stellt sich dann heraus, dass selbst elementarste Funktionen nicht bekannt sind. Ich habe das auch untersucht und 200 Anwender befragt, die sich nach eigener Aussage mit AutoCAD auskennen. Da musste man feststellen, dass bei drei einfachen Fragen zu AutoCAD nur zwei Anwender in der Lage waren, alle Fragen richtig zu beantworten. Das ist erschreckend. Hier sind Defizite deutlich geworden, die zeigen, dass das Thema Schulungen sehr wichtig ist.

AUTOCAD Magazin: Wie gelingt es als Schulungsanbieter, immer auf dem aktuellen Stand zu sein?

Ernst Bohnhardt: Da sind wir auch gefordert, uns Wissen anzueignen. Wir lernen also natürlich auch von den Kunden. Andererseits bilden wir uns permanent selbst weiter. Ich nehme zum Beispiel von der Autodesk University in Las Vegas sehr viel Wissen mit und habe meine Prüfung zum Certified Professional im vergangenen Jahr dort abgelegt.

AUTOCAD Magazin: Sie stellen dem Anwender verschiedene Optionen vor …

Ernst Bohnhardt: … und der Kunde kann entscheiden, mit welchem Weg er am besten zurecht kommt. Aber entscheidend sind die Grundlagen. Man fängt zum Beispiel mit dem karthesischen Koordinatensystem an: Wie ist die Koordinateneingabe? Wie sieht die Zahlendarstellung aus? Was leistet die Benutzeroberfläche? Wo finde ich welche Befehle? Erst dann lösen wir die individuellen Probleme.

AUTOCAD Magazin: Aber bitte, gehört das nicht zu den Basics?

Ernst Bohnhardt: Das glaube ich nicht. Woher soll denn der Anwender das wissen? Ich stelle in meinen Lehrgängen immer wieder fest, dass Leute gerade in solchen Grundlagenthemen Defizite aufweisen, die eigentlich nicht nötig wären. Im fortgeschrittenen Lehrgang stehen dann andere Themen auf dem Plan. Im Lehrgang „AutoCAD automatisieren“ beschäftigen wir uns mit Fragen wie dem Schreiben von Makros und von Skript-Dateien. Auch hier wird ein Wissen vermittelt, das in AutoCAD seit vielen Jahren bereitsteht. Ich finde es ärgerlich und schade, dass diese vorhandene Technologie einfach nicht viel mehr ausgereizt wird.

AUTOCAD Magazin: Was sind denn typische Fragestellungen der Anwender?

Ernst Bohnhardt: Mit einem Makro oder einem Skript, das eine Reihe von Funktionen zusammenfasst, lässt sich viel erreichen. Wir bauen zum Beispiel Schriftfelder auf, Blattformat DIN A3, mit Schriftfeld, und zeigen dem Anwender, wie man mit einem einzigen Knopfdruck nicht nur ein neues Layout erzeugt, sondern auch, wie dieses Blatt druckfertig gemacht wird. Er muss sich nicht mehr mit der Seiteneinrichtung auseinandersetzen, denn die wird an eine einzige zentrale Stelle verlagert. Die Makros sind so flexibel, dass sie sogar den Drucker-Wechsel überleben.

AUTOCAD Magazin: Welche wichtigen Herausforderungen ergeben sich aus der Entwicklung von AutoCAD?

Ernst Bohnhardt: Das ist eine interessante Frage. Ich habe ja mit AutoCAD seit über 25 Jahren in meiner beruflichen Praxis zu tun, und für mich ist es immer ein Werkzeug gewesen. Die Leistungsfähigkeit der Hardware hat in der Zeit enorm zugenommen und dadurch wurden softwaretechnisch Lösungen möglich, an die seinerzeit überhaupt nicht zu denken war. Andererseits gibt es eine gegenläufige Entwicklung bei den Preisen: Die sinken immer weiter. Das heißt: Je später Sie in eine CAD-Anlage investieren, desto mehr Leistung bekommen sie für immer weniger Geld. Vor 25 Jahren haben die Firmen sehr genau überlegt, welcher Mitarbeiter an einer Schulung teilnehmen soll. Heute werden mehr Mitarbeiter in die Schulungen geschickt und dadurch ist das Niveau der Teilnehmer teilweise gesunken, und es kommen auch Teilnehmer, die nicht motiviert sind. Aber, wie gesagt, der Mitarbeiter ist der eigentliche Kostenfaktor, er muss im Mittelpunkt stehen. Die Lernkurve im Lehrgang wird anfangs steil nach oben gehen, in der Praxis wird sie dann abflachen. Gleichzeitig entwickelt sich die Technologie  ständig weiter. Das bedeutet, dass jeder Mitarbeiter jedes Jahr ein gewisses Maß an Schulung benötigt.

AUTOCAD Magazin: Inwieweit erfordert die Komplexität der Software auch von den Schulungsanbietern, sich weiter zu spezialisieren?

Ernst Bohnhardt: Natürlich konzentriert man sich auf bestimmte Themen. Ein Dozent kann heute nicht Revit und Inventor in der notwendigen Intensität behandeln. Meine Vision von der Zukunft von AutoCAD ist sowieso, dass die Funktionalität von Revit und Inventor in einem CAD-Paket zusammengeführt wird. Da geht es dann nicht mehr darum, dass ein Architekt, ein Stahlbauer, Maschinenbauer oder Elektriker eine spezialisierte CAD-Lösung kauft, sondern sie alle kaufen ein Programm und bekommen die Funktionen, die sie für ihr Gewerk brauchen. Die Konvertierungsprobleme zwischen unterschiedlichen CAD-Programmen müssen verschwinden. Das wird allerdings noch ein paar Jahre dauern. (anm)

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