Interview: „Wir haben den Roboter neu gedacht“

0

Digital Engineering Magazin (DEM): Guten Tag, Herr Schmid, was gibt es Neues?
Helmut Schmid: Aktuell sind wir unter anderem dabei, die Anwenderschnittstellen unserer Roboter weiter zu verbessern. Bei unseren Roboterarmen ist es ja so, dass sich diese schon sehr einfach und schnell integrieren lassen. Auspacken, hinstellen, programmieren: Das dauert, wenn alles gut läuft, nur eine halbe Stunde. Schwieriger wird es da noch bei zusätzlicher Hardware wie Kameras oder Greifern. Das dauert dann vielleicht noch mal ein, zwei Tage. Was wir jetzt wollen, ist eine offene Schnittstelle, mit der das alles deutlich schneller geht. Dazu arbeiten wir mit anderen Firmen zusammen. Mit einem Unternehmen sind wir beispielsweise so weit, dass wir innerhalb der 30 Minuten auch einen Greifer integrieren können, also sind wir hier genauso schnell wie bei der eigentlichen Roboter-Implementierung. Großes Ziel für die Zukunft ist, die komplette Anwendung mit der ganzen Peripherie in kürzester Zeit aufbauen zu können.

DEM: Das klingt nach einer rosigen Zukunft. Wie sieht das wirtschaftlich aus?
Schmid: Unsere Planungen sind sportlich, aber wir glauben, sie erreichen zu können. Wir sind ja nach Industrie-Maßstäben noch ein recht junges Unternehmen und verkaufen nach einer Entwicklungsphase unsere Roboter erst seit 2008. Wir haben uns gegen große Wettbewerber durchgesetzt und mittlerweile mehr als 10.000 unserer Roboter UR3, UR5 und UR10 weltweit im Einsatz. Also kommen wir nun in ein interessantes Volumen. Das verbessert auch die technische Anwendung, denn wir kommen in Regionen, in denen Peripheriehersteller auf uns zukommen und mitmachen möchten.

DEM: Wie lautet das konkrete Wachstumsziel?
Schmid: Das kann ich mir immer gut merken: Wir haben von 2014 zu 2015 unsere Verkaufszahlen von rund 30 Millionen Euro auf knapp 60 Millionen fast verdoppelt. 2016 werden wir wohl 100 Millionen Euro erreichen. Bis 2020 planen wir ab hier eine jährliche Verdoppelung der Verkaufszahlen.

DEM: Glauben Sie daran?
Schmid:
Ja, sicher, schauen Sie sich nur mal hier auf der Motek um. Die UR-Arme sind mittlerweile auf vielen Ständen der Aussteller zu sehen – das zeigt, wie schnell wir unsere Marktnische erschließen. Unsere Ausrichtung stimmt, wir bewegen uns in einer guten Preisregion, bei der sich die Roboteranwendungen schnell amortisieren, sodass es sich auch für kleinere Unternehmen lohnt. Das einzige, was uns aufhalten könnte, wären äußere Umstände, also dass der Markt zusammenbricht, die Konjunktur schwächelt oder andere Faktoren, die wir nicht beeinflussen können.

DEM: Das klingt wirklich sportlich. Wer sind denn Ihre Anwender und wie sieht Ihr Vertriebsmodell aus?
Schmid:
Unser Vertriebsmodell sieht so aus, dass wir aktuell ausschließlich über Integratoren verkaufen. Der Integrator verkauft wiederum an den Endanwender, also etwa an den Maschinen- und Anlagenbauer. Die meisten Anwendungen drehen sich um das Be- und Entladen von Maschinen. Dann kommen Pick-and-Place-Anwendungen und schließlich das Verpacken und Palettieren. Das sind die drei häufigsten Anwendungsfälle und das über alle Branchen wie Automobil und Maschinenbau hinweg, aber zunehmend auch in der Elektronikindustrie. In Zukunft könnte es sein, dass auch der Endanwender einfache Applikationen selbst aufbaut. Aber im Moment, bei komplexen Aufgaben und sicher auch in Zukunft, läuft unser Geschäft vorwiegend über regionale Integratoren.

DEM: Was für Teile handeln Ihre Roboter? Und was zeichnet Ihre Roboter noch aus?
Schmid: Wir reden bei uns über kollaborierende Leichtbauroboter. Wir versuchen also, ohne störende und teure Schutzumhausungen auszukommen, was besondere Zertifizierungen erfordert. Zudem können unsere Roboterarme alle Rohmaterialien und Komponenten bis maximal 10 Kilo handeln – aus der Bezeichnung geht die Gewichtsklasse hervor. Wenn Sie sich den kleinen UR3-Roboter anschauen, dann kann der maximal 3 Kilo handhaben. Das Modell wird mittlerweile häufig in der Elektronikfertigung eingesetzt. Mit seinen sechs Achsen kann er von Haus aus Schraubanwendungen übernehmen. Das machen wir zum Beispiel in unserer eigenen Produktion, wo wir quasi die Vision „Roboter fertigen Roboter“ umgesetzt haben. Darüber finden Sie auch ein Video im Internet [https://www.universal-robots.com/de/cases/universal-robots/]. Mittlerweile haben wir auch die TÜV-Zertifizierung für den Reinraum. Das Hauptunterscheidungsmerkmal liegt aber in der Art der Entwicklung unserer Roboter. Wir sind sozusagen mit dem weißen Blatt Papier gestartet. Daher hatten wir eine ganz andere Sicht und nicht so viele Bilder im Kopf, wie ein Roboter zu sein hat. Vielmehr haben wir überlegt, wie ein Roboter einfach sein kann und hierbei insbesondere einfach zu programmieren und integrieren. Das ist der Unterschied zu etablierten Roboterherstellen. Wir haben den Roboter neu gedacht. Zudem konzentrieren wir uns mit derzeit „nur“ drei Robotern auf unsere Nische. Also etwa wie beim iPhone. Apple hatte da ja auch eine ganz neue Idee und hat es einfach anders gemacht. So ähnlich sehen wir uns auch.

DEM: Wenn wir schon beim iPhone sind – mit Universal Robots+ gehen Sie ja auch einen Community-ähnlichen Weg.
Schmid: Genau, das geht auch in die Richtung Community. Das soll die eingangs erwähnte Vision unterstützen, heute den Roboterarm einfach in die Anwendung zu bringen und morgen das komplette System mit Greifern, Kameras und allem, was dazugehören könnte, schnell zu implementieren. Wir bieten über die Plattform geprüfte und getestete Komponenten. Und Firmen und Integratoren weltweit arbeiten mit uns zusammen. Wie etwa die kanadische Firma Robotiq. Das ist unser Bedienpanel, der Robotiq-Greifer und unser Roboter lassen sich also über ein und dasselbe Bedienelement implementieren. Gleiches wollen wir für die Kamera hier drüben erreichen, sodass der Anwender oder die Integratoren selbst schnell zum Ziel kommen. Dafür ist unsere Schnittstelle und die des Greifers offengelegt, sodass es alle einfacher haben. Wir verstehen unter Kollaboration nicht nur die Kollaboration von Mensch und Maschinen, sondern auch zwischen Firmen und Partnern und zwar dafür, dass es der Anwender möglichst einfach hat. Hier ein weiteres Beispiel: Das ist Airgate, ein junges dänisches Unternehmen. Die Oberfläche auf dem Tablet bildet eins zu eins unsere Benutzeroberfläche ab. Also kann ich von überall her auf den Roboter zugreifen, wenn ich das möchte. Etwa wenn die Produktion 24/7 läuft und der Roboter aus irgendeinem Grund stoppt. Bevor ich jetzt mehrere Kilometer fahre, kann ich schauen, ob ich von der Couch aus das Problem lösen kann und der Werker muss nicht hinfahren. Das geht nur, indem wir die Schnittstellen offenlegen. Da können alle profitieren. Deshalb glauben wir auch, unsere Wachstumsziele erreichen zu können. Mehr und mehr Teilnehmer kommen in den Markt. Und die Roboter kommen im Mittelstand an.

DEM: Muss der Mittelstand da unbedingt mitmachen?
Schmid: Er muss es natürlich nicht. Aber es bringt häufig Vorteile. Ich denke gerade an einen Schweizer Mittelständler, der Losgrößen zwischen fünfzig und etwa zehntausend fertigt. Er hat mit einem Roboter angefangen, da spielte die Kostenthematik hinein. Heute hat er statt 14 Mitarbeitern 15 Mann plus einen zusätzlichen Roboter – durch die Kapazitätserweiterung konnte er mehr und günstiger produzieren. Der Roboter hat hier nicht den Menschen ersetzt, sondern einen neuen Arbeitsplatz geschaffen. Beziehungsweise wurde durch die Produktivitätserhöhung eine Verlagerung in Billiglohnländer verhindert. Und da läuft gerade ein Trend, der wirklich positiv ist, auch in Deutschland. Mittlerweile wird viel von der Produktion wieder zurückgeholt. Der Unternehmer fertigt lieber wieder im Schwarzwald, da hat er weniger Probleme mit der Logistik und der Qualität, mit Mentalitätsunterschieden, Mitarbeiter-Schulung und allgemein dem Know-how-Aufbau beziehungsweise -Abfluss. Das ist ein schöner Trend für die deutsche und europäische Industrie – und wir sind Teil dieses Trends.

DEM: Vielen Dank, Herr Schmid, für dieses Gespräch!

RSS Feed

Neuen Kommentar schreiben

Entdecken Sie die Printmagazine des WIN-Verlags