06.09.2021 – Kategorie: Konstruktion & Engineering

Industrieller 3D-Druck im Einsatz: Das sagen die Experten

Industrieller 3D-DruckQuelle: MarinaGrigorivna/shutterstock
Der industrielle 3D-Druck wird erwachsen: Im Prototyping haben sich additive Verfahren schon längst etabliert, und auch für die Fertigung funktionaler Endprodukte kommen sie zunehmend zum Einsatz.

Viele Unternehmen, die entsprechende Lösungen in ihre Fertigungsprozesse integrieren wollen, betreten erst einmal Neuland, und auch die Konstruktion muss umdenken. Worauf es beim Thema industrieller 3D-Druck ankommt und welche erfolgreichen Anwendungen Orientierung bieten, darüber sprechen wir mit acht Fachleuten für die additive Fertigung.

Die Fragen an die Experten

  1. Worauf sollten Unternehmen bei der Integration von additiven Fertigungsverfahren in die bereits vorhandenen Fertigungslinien besonders achten?
  2. Was bedeutet der Einsatz dieser Verfahren für die Art und Weise, wie Produkte entwickelt und konstruiert werden?
  3. Können Sie uns, bitte, ein Beispiel dafür nennen?
  4. Welche wichtigen Entwicklungen und Fortschritte halten Sie in der additiven Fertigung noch für wünschenswert?

Industrieller 3D-Druck
Bild: EOS GmbH

Dr. Marius Lakomiec, Team Manager Offering Process AM Cell, EOS GmbH

1. Durch die Kombination additiver und konventioneller Fertigung lassen sich viele Marktanforderungen heute besser lösen. Wird die additive Fertigung mittlerweile in existierende Fertigungsumgebungen integriert, so wird sie häufig noch als ein gewisser Fremdkörper wahrgenommen. Tatsächlich sollte diese Technologie jedoch gleichberechtigt, etwa mit zerspanenden Verfahren, behandelt werden. Denn letztlich sind die Anforderungen für alle in einem solchen Umfeld integrierten Verfahren dieselben: Für einen optimalen Teile- und Datenfluss müssen die richtigen Schnittstellen und Daten definiert werden. Im Falle der additiven Fertigung gilt es, diese über MES / ERP Systeme an die weiteren Schritte der Bearbeitung bzw. Nachbearbeitung anzubinden.

2. Das werkzeuglose Verfahren der additiven Fertigung beschleunigt Produktentwicklung und Prototypenbau. Damit bleiben Unternehmen wettbewerbsfähig in einem zunehmend schneller getakteten Umfeld. Industrieller 3D-Druck verändert zudem die Art und Weise, wie konstruiert wird. Denn im Gegensatz zur konventionellen Fertigung bietet sie vielmehr Freiheitsgrade, weil die Konstruktion die Fertigung bestimmt, nicht umgekehrt. Mittels digitaler Zwillinge kann zudem die ganze additive Fertigung vorab simuliert werden. Das spart Ressourcen in puncto Zeit und Geld und sorgt im Ergebnis auch für ein qualitativ besseres Produkt in kürzerer Zeit.

3. Wir haben an unserem Produktionsstandort in Maisach eine digitalisierte Pilotfabrik aufgebaut. Hier können wir Kunden exemplarisch veranschaulichen, wie sie ihre AM-Fertigung Stück für Stück aufbauen und hochfahren. Es handelt sich dabei um eine Symbiose aus der digitalen und der realen Welt. Sie bildet damit eine Art der Fertigungsumgebung ab, die auch bei den meisten Kunden zu finden ist. Das Modell lässt sich auf unterschiedliche Standorte und angepasst an unterschiedliche Gegebenheiten hochskalieren.

4. Die additive Fertigung ist erwachsen geworden und bietet neben dem Prototypenbau auch große und skalierbare Einsatzmöglichkeiten in der Serienfertigung. Die dafür benötigten Rahmenbedingungen werden wir in den nächsten Jahren kontinuierlich weiterentwickeln. Dazu gehört ein höherer Grad der Automatisierung. Hier arbeiten wir mit Partnern wie Grenzebach, Kuka und Siemens zusammen. Wichtig sind auch sich selbst regulierende Kreisläufe in der Maschine – sogenannte Closed Loops – und damit eine auf künstlicher Intelligenz aufbauende Fehlerbehebung. Und schließlich erhöhen wir kontinuierlich die Produktivität der Prozesse, um mittelfristig die Stückkosten und die Gesamtanlageneffektivität für den Kunden zu senken.


Industrieller 3D-Druck
Bild: HP

Raffi Beglarian, MEA 3D Printing Market Manager, HP

1. Additives Denken muss bereits bei der Konstruktion der Teile beginnen. Ein bestehendes Teil additiv statt in Spritzguss zu produzieren, ist nicht die Lösung. Vielmehr geht es darum, Bauteile zu identifizieren, die als ein Funktionsteil gedruckt werden können. Durch eine optimierte Bauform können sie zudem leichter und gleichzeitig stabiler werden. Ein weiterer Vorteil ist die zeitnahe, lokale Fertigung auf Bedarf: Bauteile müssen nicht langfristig vorbestellt und über Kontinente transportiert werden. Das schont zudem die Umwelt.

2. Dank additiver Fertigung sind Unternehmen deutlich flexibler hinsichtlich ihrer Produktion. Dies zeigte sich auch in der Pandemie: Innerhalb kürzester Zeit konnten dringend benötigte Teile wie Türklinken oder Komponenten für Beatmungsgeräte vor Ort hergestellt werden, und das – wenn nötig – an die individuellen Bedürfnisse eines Patienten angepasst. Gerade das Gesundheitswesen erkennt zunehmend die Vorteile von additiver Fertigung und nutzt die Technologie für Prothesen und Orthesen, die jeweils passgenau entwickelt und produziert werden.

3. Es gibt branchenübergreifend eine hohe Akzeptanz der 3D-Fertigung. Neben den oben genannten Beispielen spielt die additive Fertigung ihre Vorteile besonders dann aus, wenn es um individuell angepasste Produkte wie Sohlen, Zahnspangen oder andere orthopädische Hilfsmittel geht. Ein weiteres Beispiel für ihren Einsatz: Sie wird verstärkt für die Herstellung von Werkzeugen eingesetzt, seien es Greifer für Roboterarme oder komplette Handling-Systeme. Hier kommt es auf maximale Stabilität und minimales Gewicht an. Schließlich lassen sich mit der additiven Fertigung organische Formen basierend auf den Kraftlinien eines Werkstückes herstellen, die sich mit keiner anderen Fertigungsmethode produzieren lassen. Ein besonders Beispiel in diesem Zusammenhang sind strömungsmechanisch optimierte Luftkanäle, die beispielsweise Hochleistungsbatterien zur Kühlung umschließen.

4. Die Ausbildungsangebote hinken der Dynamik der additiven Fertigung hinterher. Ein geografisch breiteres und generell umfassenderes Angebot ‚Design for Additive Manufacturing‘ wäre dringend notwendig. Die additive Fertigung wird all ihre Vorteile nur dann ausspielen, wenn bereits bei der Konstruktion der Bauteile additiv gedacht wird. Es gibt ein enormes Optimierungspotenzial– sei es bei Gewicht, Robustheit oder bei der Möglichkeit, Komponenten zu personalisieren und damit auf die individuellen Bedürfnisse des Anwenders anzupassen. Hinzu kommen die Vorteile in Bezug auf die Nachhaltigkeit – sei es durch kürzere Lieferwege, die Wiederverwertbarkeit von nicht genutztem Material oder schlicht die Tatsache, dass nur die benötigten Teile on-demand produziert werden.


Industrieller 3D-Druck: Technologie der Gegenwart

Bild: Mark3D GmbH

David Schlawer, Leiter Marketing, Mark3D GmbH

1. Die additive Fertigung, auch industrieller 3D-Druck, ist keine Zukunftstechnologie mehr, sondern bereits jetzt eine etablierte Gegenwartstechnologie. Sie ersetzt nicht direkt bestehenden Fertigungstechnologien, aber ergänzt diese sehr sinnvoll. Um diese Tatsache zu akzeptieren, ist es notwendig, dass umgedacht wird. Nur wenn diese Bereitschaft vorhanden ist, wird additive Fertigung erfolgreich integriert. In dem Prozess müssen Dinge hinterfragt werden. Die leider immer noch häufig anzutreffende Haltung: ‚Das haben wir immer so gemacht‘ ist kontraproduktiv. Wichtig ist, dass die Technologie abteilungsübergreifend zur Verfügung steht und von der Geschäftsführung unterstützt wird. Die additive Fertigung bietet den Unternehmen Verfügbarkeit, Unabhängigkeit und Innovation.

2. Mitarbeiter müssen die Möglichkeiten und Grenzen der Technologie durch eigene Erfahrungen kennenlernen. Je schneller und häufiger eigene Erfahrungen im Unternehmen gemacht werden, desto mehr werden die Mitarbeiter verstehen, dass sie durch die additive Fertigung wesentlich weniger fertigungstechnische Einschränkungen haben und somit Bauteile optimieren können. Es gibt unzählige Beispiele, wo Mitarbeiter Bauteile dynamisch verändert haben, obwohl die Applikation immer dieselbe ist. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Lernkurve enorm ist, besonders bei den Konstrukteuren.

3. Gerne. Ein Zulieferer musste Rohre durch Reibschweißen verbinden. Der Kunde änderte ständig den Radius der Rohre, somit musste die Reibschweißbacken immer wieder neu gefertigt werden. Der interne Prozess dauerte 23 Tage. Die Backen hatten ein Gewicht von 6,5 kg. Durch das Optimieren der Bauteile für die additive Fertigung konnte die Fertigungszeit auf 1 Tag und das Gewicht auf 0,15 kg reduziert werden. Das ist wirklich Fertigung neu definiert.

4. Die Technologie ist bereits heute auf einem sehr hohen Niveau. Ich wünsche mir zuerst vielmehr, dass die derzeitigen Mehrwerte in den Unternehmen richtig erkannt und genutzt werden. Aber natürlich sind auch Entwicklungen wie weitere Materialien, schnellere, aber gleichzeitig sehr präzise Fertigung und natürlich größere Bauräume wünschenswert.


Industrieller 3D-Druck
Bild: Protolabs Deutschland

Daniel Cohn, Managing Director, Protolabs Deutschland

1. Neben regulatorischen Ansprüchen der additiven Verfahren sollten auch verschiedene organisatorische und technische Aspekte beachtet werden. Diese Aspekte hängen stark von der Art der vorhandenen Fertigung und der Produkte ab. In organisatorischer Hinsicht muss besonders auf mögliche abweichende Zykluszeiten und Ansprüche an die Materialversorgung geachtet werden. Hier ist es unter Umständen nötig, additive Prozesse stärker zu parallelisieren, um mit dem Rest der Linie Schritt halten zu können. Als gute Verfahren zur Lösungsfindung haben sich hier klassische Value Stream-Mapping-Ansätze erwiesen. Verantwortliche sollten sich genau mit den geplanten additiven Fertigungstechnologie auseinandersetzen, um schon bei der Planung die notwendigen Voraussetzungen sicherzustellen und auch den technologischen Anforderungen gerecht zu werden.

2+3. Mit der dedizierten Konstruktion für additive Fertigungsverfahren steht und fällt der technische sowie wirtschaftliche Erfolg. Werden etwa Bauteile, die ursprünglich für eine Herstellung mittels CNC-Fräsen geplant wurden, mit additiven Verfahren hergestellt, verpufft der wirtschaftliche Vorteil des 3D-Drucks. Entscheidend ist, um wirtschaftliche Vorteile der additiven Fertigung zu nutzen, dass man bereits bei der Konstruktion die Möglichkeiten der additiven Fertigung einbezieht.

Ein Beispiel ist die funktionale Integration einer Baugruppe in ein einziges additiv gefertigtes Teil, also zum Beispiel einer mehrteiligen Baugruppe, die aus Fräs- und Drehteilen, Normteilen und Dichtungen besteht und montiert werden muss. Bei der Überführung einer solchen Baugruppe in ein einzelnes additiv gefertigtes Bauteil können neben den klaren Kostenvorteilen auch Vorteile im Bereich der technischen Funktion, Robustheit, Effizienz sowie Vorteile beim Transport, der Lagerhaltung oder der Ersatzteilversorgung erreicht werden.

4. Besonders das Thema Automatisierung treibt aktuell die gesamte additive Industrie um. Sowohl die Vorbereitung als auch die nachgelagerten Prozesse zur Finalisierung der Bauteile sind noch von großem manuellem Aufwand geprägt; die Automatisierung ist hier also noch wenig ausgeprägt. Dies kann insbesondere bei einfachen Teilen zu Kosten- und damit Wettbewerbsnachteilen im Vergleich zu konservativen Verfahren führen.

Neben dem Wunsch nach einer stärkeren Automation ist auch die Geschwindigkeit ein wichtiges Stichwort. Hier gehen die Hersteller in erster Linie den Weg der höheren Parallelisierung innerhalb der Anlagen, zum Beispiel durch die Erhöhung der Anzahl der Laser, um eine Bauraumfläche schneller bearbeiten zu können. Auch der Einsatz einer hohen Anzahl von Diodenlaser befindet sich bereits im Prototypenstadium und würde die Geschwindigkeit enorm erhöhen.

Je stärker das Wissen um die additive Fertigung bei Ingenieuren und Konstrukteuren wächst, umso schwieriger fällt es mir dieses Verfahren noch aus unserem industriellen Alltag wegzudenken. Die additive Fertigung (industrieller 3D-Druck) – so viel ist sicher – ist gekommen, um zu bleiben!


Die Fragen:

  1. Worauf sollten Unternehmen bei der Integration von additiven Fertigungsverfahren in die bereits vorhandenen Fertigungslinien besonders achten?
  2. Was bedeutet der Einsatz dieser Verfahren für die Art und Weise, wie Produkte entwickelt und konstruiert werden?
  3. Können Sie uns, bitte, ein Beispiel dafür nennen?
  4. Welche wichtigen Entwicklungen und Fortschritte halten Sie in der additiven Fertigung noch für wünschenswert?

Neue Prozesse für die Industrie

Industrieller 3D-Druck
Bild: SLM Solutions

Ralf Frohwerk, Global Head of Business Development bei SLM Solutions

1. Damit die Integration in vorhandene Fertigungslinien funktioniert, sollte zunächst der Business Case im Vordergrund stehen. Lohnt sich die additive Fertigung (industrieller 3D-Druck) für meinen Anwendungsfall, oder können mein Bauteil oder der gesamte Prozess durch die SLM-Technologie sogar verbessert werden?

Unternehmen sollten zudem wissen, dass auch Vor- auch Nachbearbeitungsschritte notwendig sind. SLM Solutions bietet deswegen nicht nur Maschinen an, sondern ganzheitliche Lösungen – von der Prüfung der Business-Cases über Schulungen bis hin zur Fabrikplanung und Nachbearbeitung von Bauteilen. Natürlich sind auch Zubehör und die richtige Fabrikumgebung essenziell.

2. Ob Funktionsintegrationen, innenliegende Gitterstrukturen oder beispielsweise die Zusammenfassung von ganzen Bauteilgruppen, die SLM-Technologie bietet zahlreiche neue Möglichkeiten in der Konstruktion und Entwicklung von Produkten. Diese neuen Möglichkeiten erfordern auch ein Umdenken von Produktdesignern. Wie das funktioniert, zeigen einige beeindruckende Anwendungsbeispiele.

3. In einem Proof-of-Concept mit der SLM-Maschine NXG XII 600 haben wir zuletzt für Porsche ein komplettes E-Antriebsgehäuse mit einem innovativen AM-Design in nur einem Druckvorgang gefertigt. Das Gehäuse vereint sämtliche Vorteile der additiven Fertigung wie Topologie-Optimierung mit Gitterstrukturen, um Gewicht zu reduzieren, Funktionsintegrationen von Kühlkanälen, höhere Steifigkeit, reduzierte Montagezeit durch die Integration mehrerer Bauteile sowie eine verbesserte Bauteilqualität. Das Faszinierende: Die Fertigung des Bauteils dauerte nur 21 Stunden, und dies ohne die Herstellung von aufwändigen Druckgusswerkzeugen. Zudem spart die Fertigung des Bauteils in einem Vorgang zahlreiche Montageschritte ein.

4. Der weitere Fokus auf robuste, zuverlässige und vor allem produktive Maschinen ist wichtig. Nur so können Anwender den Schritt in Richtung industrieller Serienproduktion gehen. Unsere zuletzt vorgestellte Maschine zeigt, wo der Weg der additiven Fertigung hingeht.


Bild: Stratasys

Andreas Langfeld, President EMEA, Stratasys

1. Heute spielt die additive Fertigung eine wichtige Rolle in der Produktion und hilft Herstellern, bestehende Fertigungsprozesse zu optimieren und völlig neue Anwendungen zu schaffen. Wenn man sich die Werkzeuge für die Produktionslinie ansieht, beispielsweise Vorrichtungen oder Greifwerkzeuge für Roboteranlagen, können traditionell hergestellte Aluminiumwerkzeuge durch leichte, 3D-gedruckte Kunststoffalternativen ersetzt werden. Diese bieten eine ähnliche mechanische Leistung – jedoch zu einem Bruchteil der Kosten und der Produktionszeit. Mit 3D-Druckern in der Fabrikhalle können Hersteller bei Bedarf Werkzeuge herstellen, die an die Anforderungen der Arbeiter angepasst sind.

Das gibt diesen Unternehmen mehr Flexibilität in der Produktion und stellt sicher, dass die Effizienz der Produktionslinie optimiert wird. Neben den Werkzeugen ersetzen viele Kunden auch Maschinenteile aus Metall durch kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe, wodurch sie ebenfalls die Leichtbaueigenschaften zu einem Bruchteil der Zeit und Kosten nutzen können.

2. Die additive Fertigung spielt im gesamten Produktentwicklungsprozess eine wichtige Rolle und trägt dazu bei, die Markteinführung neuer Produkte zu beschleunigen. Während des Produktdesigns ist der 3D-Druck heute das gängige Werkzeug im gesamten Prototyping-Prozess, von originalgetreuen Konzeptmodellen zur Designvalidierung bis hin zu voll funktionsfähigen Prototypen für Tests im realen Leben. Mit der Möglichkeit, hochpräzise Prototypen bis zu 95 Prozent schneller und kostengünstiger als mit herkömmlichen Methoden herzustellen, können Designer das Konzept ihres Produkts in kürzester Zeit iterieren – und so den gesamten Prozess von der ersten Idee bis zum endgültig genehmigten Design beschleunigen.

Wenn es um die Herstellung eines Produkts geht, spielt industrieller 3D-Druck oft auf die eine oder andere Weise eine Rolle. Für die Massenproduktion erhöhen 3D-gedruckte Werkzeuge die Effizienz traditioneller Produktionslinien erheblich, wie in der vorherigen Antwort erwähnt. Für kleine bis mittlere Stückzahlen ermöglichen neue Entwicklungen in der additiven Fertigungstechnologie und bei den Materialien den Herstellern jedoch, teure Spritzgusswerkzeuge zu umgehen und Serienteile direkt zu drucken. Hier legt Stratasys einen großen Schwerpunkt und treibt eine neue Ära der additiven Fertigung 2.0 für die Serienproduktion voran.

3+4. Während die Branche in den letzten Jahren große Fortschritte in der Fertigung gemacht hat, ist Stratasys bestrebt, den Wandel hin zu einer echten Produktion anzuführen. Wir bieten eine Agilität und Produktivität, die herkömmliche Fertigungsmethoden einfach nicht bieten können, und das in einem Maßstab von Tausenden bis zu Hunderttausenden von Teilen. Mit unserer jüngsten Einführung der P3- und SAF-Technologien verfügen Hersteller über additive Fertigungsmöglichkeiten, die Teile in Spritzgussqualität zu Stückkosten bieten, die wir bisher in der additiven Fertigung noch nicht gesehen haben.

Unser Beta-Kunde für das System H350 ist ein Paradebeispiel. Götz Maschinenbau, ein deutsches Maschinenbauunternehmen, ist nun in der Lage, Serienteile in Tausender-Chargen zu produzieren. Die traditionelle Herstellung mit Gussformen kann zwischen 5.000 und 10.000 Euro pro Stück kosten, mit langen Vorlaufzeiten von vier bis zwölf Wochen. Für die Herstellung von rund 1.000 Bauteilen in der Größe eines kleinen Fingers war der Spritzguss nicht rentabel für das Unternehmen. Götz kann nun 1.000 Bauteile auf der Bauplattform der H350 unterbringen, was dem Unternehmen ermöglicht, den gesamten Auftrag innerhalb von 24 Stunden zu fertigen. Die Teilegenauigkeit und Wiederholbarkeit der Technologie ermöglicht es Götz, Bauteile in höchster Qualität an seine Kunden zu liefern.


Industrieller 3D-Druck: Maschine und Mensch arbeiten zusammen

Industrieller 3D-Druck
Bild: Ultimaker

Jürgen von Hollen, CEO bei Ultimaker

1. Es kommt vor allem darauf an, die gesamte Prozesskette im Blick zu haben. Wenn eine Technologie am Anfang steht, ist sie häufig sehr produktorientiert. Aus Kundensicht geht es aber darum, effizienter zu werden oder ein Problem zu lösen. Deshalb muss sich industrieller 3D-Druck zur flexibel einsetzbaren Lösung entwickeln. Dem tragen wir und unser Partner-Ökosystem mit dem modularen Aufbau unserer Plattform Rechnung.

2. Die Innovationsgeschwindigkeit erhöht sich, gerade weil die Technologie immer besser wird. Wenn man die Komplexität einer Technologie reduziert, sieht man auf einmal einen Sprung in ihrer Anwendung. Mit 3D-Druck konnten Prototypen selbst in der Covid-19-Krise schneller entwickelt werden, und man kann damit dezentraler arbeiten. Er schafft so Flexibilität, die Unternehmen brauchen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und Risiken zu minimieren.

3. 2020 entstanden bei unseren Kunden Innovationen wie das Digital Warehouse der Schubert GmbH oder der NavVis VLX, ein tragbarer 3D-Scanner für den Innenbereich. NavVis zum Beispiel hat sich durch den Einsatz der Remote-3D-Druckfunktion robust und flexibel aufgestellt, als Covid-19 die Designer zwang, von zu Hause aus zu arbeiten. In Zukunft werden wir öfter sehen, dass Unternehmen auf der Plattform neue Geschäftsideen entwickeln und Innovationen schneller einsatzfähig sind. Technologien und Anwendungsfälle inspirieren sich auch gegenseitig und erschließen neue Märkte. Während die Anforderungen zur Entwicklung einer Technologie beitragen, trägt sie irgendwann ihrerseits dazu bei, neue Geschäftsmodelle zu schaffen.

4. Um weiter zu wachsen und in den Mittelstand vorzudringen, müssen wir den Plattformansatz konsequent weiterverfolgen und die Benutzerfreundlichkeit weiter erhöhen. Anders als große Unternehmen haben Mittelständler nicht für alles Ingenieure im Haus. Die Investition in 3D-Druck muss sich zudem langfristig auszahlen und zukunftsfähig sein. Während der Covid-Krise haben sich Kleinserien bewährt. Wenn 3D-Druck noch einfacher zu handhaben wird, kann jedes Unternehmen ihn beispielsweise dafür einsetzen.


Industrieller 3D-Druck
Bild: Xometry Europe

Nikolaus Mroncz, Sales Engineer bei Xometry Europe

1. Nach unserer Erfahrung steht und fällt der Erfolg von additiver Produktion mit dem Personal, das die Maschinen bedient. Es genügt nicht, einfach einen tollen 3D-Drucker zu kaufen. Wenn sich unerfahrene Mitarbeiter erst mühsam daran einarbeiten müssen, wird sehr viel Geld verbrannt. Dann wird zum Beispiel eine falsche Anbindung eingesetzt und das ganze Teil dadurch unbrauchbar. Bei dieser Technologie ist jedes Bauteil anders; man kann nicht einfach die Erfahrungen aus den traditionellen Fertigungstechnologien übertragen.

Es ist vielmehr wichtig, dass die betroffenen Mitarbeiter bereits mit additiver Produktion gearbeitet haben, wenn ihr Unternehmen einsteigt. Das müssen übrigens keine Ingenieure sein. Ich kenne Facharbeiter, die sich mit großer Hingabe in das Thema industrieller 3D-Druck eingearbeitet haben und hervorragend damit klarkommen.

2. Ob sich die additive Produktion für ein bestimmtes Teil lohnt, entscheidet sich beim Design. Wer seine bisher traditionell gefertigten Teile jetzt einfach nur additiv produziert, hat keinen Vorteil. Die Bauteile müssen vielmehr dem additiven Design angepasst werden. Dabei geht es darum, die Volumina zu reduzieren und dazu die ursprüngliche Geometrie zu ersetzen. Das Vorbild für diese Baupläne liefert meistens die Natur. Eine solche bionische Konstruktion ermöglicht mehr Festigkeit und zugleich geringeres Gewicht. Das sind großartige Vorteile; man muss allerdings wissen, wie man zu einem solchen Ergebnis kommt.

3. Wer an der Software spart, handelt sich beim 3D-Druck (industrieller 3D-Druck) schnell Ärger ein. Ein gutes Programm sollte zum Beispiel eine Oberflächenanalyse ermöglichen. Nur so ist es möglich, ein optimales Designergebnis zu erzielen. Ich erlebe oft große Enttäuschung bei den Anwendern: Sie hatten in der Werbung perfekte Arbeitsstücke gesehen, die sie aber in ihrem Betrieb nicht hinbekommen. Das liegt an einer falschen Bedienung und an schlechten Voraussetzungen etwa bei der Software.

4. Künftig wird es wichtig sein, dass wir additiv ohne Supportstrukturen fertigen können. Bislang nimmt dieser Bereich noch sehr viel Arbeit ein. Das wird meistens übersehen, kostet aber Zeit und Geld. Auch das Postprocessing muss irgendwann überflüssig werden. Beim Spritzguss kommt ein Bauteil ja mittlerweile auch nahezu fertig aus der Maschine. Das wird irgendwann mit additiv gefertigten Teilen ebenso der Fall sein.

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