Offen für Innovation: Dr. Steven Vettermann, ProSTEP, zum Codex of PLM Openness

Inventor Magazin: Was gab den Ausschlag dafür, den Codex of PLM Openness zu initiieren?

Dr. Steven Vettermann: Die Fertigungsindustrie lebt von Innovation. Und eine der Grundvoraussetzungen für Innovation ist Offenheit. Offenheit beginnt im Kopf und geht bis tief hinein in die IT. Wir haben 2011 erkannt, dass wir einen völlig neuen Ansatz fahren müssen, damit die Fertigungsindustrie die Werkzeuge erhält, um Themen wie zum Beispiel Systems Engineering oder auch Cloud Computing zu realisieren. Die Industrie braucht agile und flexible IT-Systemlandschaften. PLM Openness ist aber kein reines IT-Problem. Wir haben erkannt, dass es vielmehr um die Etablierung einer neuen Haltung, eines neuen Selbstverständnisses geht. Es geht im wahrsten Sinne des Wortes um das Aufstellen eines Kodex. Deswegen beruht jedwede Beteiligung am CPO auch auf einer freiwilligen Selbstverpflichtung.

 

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Dr. Steven Vettermann, Leiter der Geschäftsstelle des ProSTEP iViP e. V.: „Stellen Sie sich einfach einmal vor, wie hoch das Potenzial ist, wenn sie ein Produkt vollständig als System modellieren können. So können zu jeder Zeit Tests und Validierungen stattfinden, nicht erst am Ende der Produktentwicklung, wo Änderungen nur noch schwer durchzusetzen sind. Sie können Erfahrungen aus dem Feld oder von Vorgängerprodukten mit einfließen lassen. Und sie können das dann auch alles, wenn zum Beispiel Haftungsansprüche geltend gemacht werden, ordentlich dokumentiert nachweisen.“

Inventor Magazin: Welche Kriterien machen für Sie die „Openness“ aus?

Dr. Steven Vettermann: Erst einmal, dass wirklich alle Player am Markt eingeladen sind, sich zu engagieren – IT-Kunden, IT-Anbieter und IT-Service-Provider. Der CPO geht weit über die Forderung zur Bereitstellung von IT-Standards und entsprechender IT-Schnittstellen hinaus. Er umfasst messbare Kriterien (muss, soll, kann) zu den Kategorien Interoperabilität, Infrastrukturen, Erweiterbarkeit, Schnittstellen, Standards, Architekturen und Partnerbeziehungen. Als wir den CPO vor einem Jahr veröffentlicht haben, waren wir uns nicht sicher, ob diese Kategorien hinreichend sind. Jetzt wissen wir, dass es so ist.

Openness heißt nicht, dass in Zukunft alles kostenlos sein soll. Leistung soll bezahlt werden, ganz klar. Wenn Sie mich fragen, was Openness ausmacht, dann ist es die Herstellung von Transparenz. Der CPO ist wie ein Diskussionsleitfaden, der Klarheit schafft. Von IT-Anbietern wird zudem noch erwartet, dass sie in so genannten CPO-Statements dokumentieren, wie sie die CPO-Kriterien mit ihren Produkten erfüllen. Auf diese CPO-Statements kann über unsere Webseite zugegriffen werden.

Inventor Magazin: Werden dafür neue Standards und Schnittstellen notwendig sein?

Dr. Steven Vettermann: Im Gegenteil. Meiner Meinung nach gibt es sogar zu viele davon. Der CPO ist dabei auf hoher Ebene eher ein Ordnungsinstrument, um die für die Fertigungsindustrie wirklich wichtigen herauszuarbeiten. Und die Aufgabe von Standardisierungsorganisationen wie dem ProSTEP iViP Verein ist es dann, Empfehlungen herauszugeben, wie diese gemeinsam genutzt werden können; die Interaktion zwischen dem Visualisierungsformat und dem neuen STEP AP 242 ist dafür ein gutes Beispiel.

Inventor Magazin: Fast 20 Fertigungsunternehmen unterstützen den Codex bereits. Inwiefern bringen diese ihre Erfahrungen als Anwender von PLM-Systemen mit ein?

Dr. Steven Vettermann: Der Input der Anwender geht weit darüber hinaus. Wie schon gesagt, PLM Openness ist ja kein reines IT-Problem. Und so werden Erfahrungen aus dem Einkauf genauso berücksichtigt, wie die mit IT-Integratoren (3rd-Parties) und die direkt gesammelten. Dabei ist das Verständnis ganz klar: Es geht im CPO nicht darum, dass man ein Kartell oder etwas in der Art bildet. Es geht darum, mit allen Beteiligten zusammen Lösungen zu finden, die jedem gerecht werden.

IT-Kunden können zusammen mit IT-Anbietern und IT-Service-Providern eine klare Position beziehen und ihren Grundanforderungen an PLM Openness Ausdruck verleihen, mit der sie die notwendige Agilität, Flexibilität und Geschwindigkeit in der Weiterentwicklung ihrer PLM-Systemlandschaft erzielen und gleichzeitig für Investitionsschutz sorgen können.

Inventor Magazin: Andererseits sind auch PLM-Anbieter wie PTC, Dassault Systèmes, Siemens PLM oder Contact Software mit im Boot. Wo liegt deren Motivation, sich an der Initiative zu beteiligen?

Dr. Steven Vettermann: IT-Anbieter und IT-Service-Provider erhalten abgestimmte, klar formulierte Anforderungen an die Offenheit von IT-Systemen und weitreichende Erkenntnisse, die sie für die Gestaltung einer innovativen Produktpalette benötigen. Langfristige Business-Strategien lassen sich mit PLM Openness einfacher verfolgen. Ein Commitment zum Codex for PLM Openness heißt nicht, Leistungen zu verschenken. Es bedeutet, die Bedingungen für eine gute Partnerschaft mit ihren Kunden und beteiligten Dritten aufzuzeigen. Kurzum: Sie können ihre Position im Markt stärken.

Damit Innovationen und technologischer Fortschritt schneller Einzug in die PLM-Systemwelt der Industrie halten können, ist ein Codex im Sinne einer gemeinsam gestalteten Selbstverpflichtung ein wichtiger Schritt in die Zukunft – sowohl für IT-Anbieter und IT-Integratoren als auch für IT-Kunden in unterschiedlichen Branchen wie zum Beispiel Aerospace & Defence, Automotive, Maschinenbau und Schiffbau.

Inventor Magazin: Viele Anbieter propagieren ja bereits ein durchgängiges PLM mit ihren eigenen Lösungen. Warum funktioniert das in der Praxis nicht?

Dr. Steven Vettermann: Das würde ich so nicht unterschreiben. Aber es stimmt, die Welt wird komplexer – genau wie die Anforderungen an die IT. Da gibt es noch Verbesserungsbedarf. Nicht umsonst haben einige CPO-Teilnehmer den CPO auch schon für Verbesserung ihres eigenen Produktportfolios genutzt.

Inventor Magazin: Kaum eine PLM-Lösung wird „out of the Box“ eingesetzt, der Anpassungsaufwand ist oft erheblich, gerade auch beim Umstieg auf eine andere Lösung. Was ließe sich hier noch verbessern?

Dr. Steven Vettermann: Sie haben sich die Antwort ja schon selbst gegeben. Wenn man immer etwas Besonderes will, dann stößt man irgendwann an Interoperabilitätsgrenzen. Ich glaube aber, dass die Zeiten langsam vorbei sind, in denen man sich das leisten konnte oder wollte. Der CPO kann auch hier helfen, denn er zielt auf das Große und Ganze. Und dafür muss man auch mal den Mut haben festzustellen, dass man diese oder jene Besonderheit eigentlich nicht wirklich braucht. Die Lösung muss gut sein, ganz klar. Schauen Sie sich zum Beispiel die Philosophie hinter dem iPhone an, dann wissen Sie, was ich meine.

Inventor Magazin: Können Sie uns ein Beispiel dafür nennen, wie die Offenheit die Produktentwicklung zu beschleunigen und zu optimieren hilft?

Dr. Steven Vettermann: Wie eingangs bereits erwähnt: Zusehends dreht sich immer mehr um die Realisierung von Systems Engineering. Dazu müssen unterschiedlichste Domänen (zum Beispiel Software, Elektrik/Elektronik, Mechanik) und Unternehmen miteinander verknüpft werden. Und jeder muss die Freiheit haben zu entscheiden, welche Tools er wo einsetzt und wie er diese mit anderen verbindet. Stellen Sie sich einfach einmal vor, wie hoch das Potenzial ist, wenn sie ein Produkt vollständig als System modellieren können. So können zu jeder Zeit Tests und Validierungen stattfinden, nicht erst am Ende der Produktentwicklung, wo Änderungen nur noch schwer durchzusetzen sind. Sie können Erfahrungen aus dem Feld oder von Vorgängerprodukten mit einfließen lassen. Und sie können das dann auch alles, wenn zum Beispiel Haftungsansprüche geltend gemacht werden, ordentlich dokumentiert nachweisen (Stichwort: funktionale Sicherheit).

Inventor Magazin: Wie werden andere Systeme, die auch produkt- und produktionsbezogene Daten verwalten, etwa die ERP- oder MES-Lösungen, berücksichtigt?

Dr. Steven Vettermann: Der CPO schließt solche Themen per se nicht aus. Wir haben die jeweiligen Know-how-Träger mit an Bord. SAP war ja von Anfang an an der Entwicklung des CPO beteiligt. Und nach einiger Zeit sind zum Beispiel auch Unternehmen wie Kronion mit dazu gekommen.

Inventor Magazin: Worauf sollten Fertigungsunternehmen achten, wenn sie heute eine Datenmanagement- und PLM-Lösung einführen?

Dr. Steven Vettermann: Es ist wie immer im Leben – je genauer ich meine Anforderungen und meine Randbedingungen formulieren kann, umso besser. Versuchen Sie bitte erst gar nicht, Ihre alten Prozesse in dem neuen System abzubilden. Nutzen Sie die Chance, ihre Prozesse zu hinterfragen und zu optimieren. Eine Systemumstellung ist auch immer die Chance, den Wildwuchs, der über die Jahre entstanden ist, zu beseitigen und neue, effiziente Methoden unternehmensweit zu etablieren. Unterschätzen Sie die Migration ihrer Altdaten nicht und auch nicht den Aufwand zum Projektmanagement. Und vor allen Dingen: Gehen Sie schrittweise vor. Das betrifft die Bereitstellung der Software genauso wie das Abholen der Mitarbeiter.

Inventor Magazin: Wie könnte diesen Unternehmen der Codex of PLM Openness helfen, um ihre Anforderungen zu formulieren und Abläufe zu definieren?

Dr. Steven Vettermann: Der CPO kann dann helfen, dem IT-Anbieter die richtigen Fragen zu stellen. Wer fragt schon von Anfang an nach Interoperabilität, Infrastrukturen, Erweiterbarkeit, Schnittstellen, Standards, Architekturen und Partnerbeziehungen? Erst mal ist doch wichtig, dass das System überhaupt läuft, denkt man sich. Der CPO ist ein knapper Leitfaden, von Anfang an an das wichtige Drumherum zu denken.

Inventor Magazin: Herr Dr. Vettermann, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Andreas Müller.

 

Dr. Steven Vettermann leitet seit Ende 2010 die Geschäftsstelle des ProSTEP iViP Vereins und war zuvor verantwortlich für das technische Programm im Verein. 2011 bereitete er zusammen mit Industrievertretern die Entwicklung des CPO vor und begleitet seitdem die Initiative. Darüber hinaus koordiniert er den VDA-Arbeitskreis Product Lifecycle Management und war Projektleiter der JT-ISO-Standardisierung, die 2012 erfolgreich mit der Veröffentlichung von JT als ISO 14306:2012 abgeschlossen wurde.

 

Bild oben: Exemplarische PLM-Landschaft.

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