Roland Zelles, Autodesk, zur BIM-Direktive des Europäischen Parlaments

AUTOCAD Magazin: Für öffentliche Projekte sind in Großbritannien, Norwegen, Dänemark und Finnland bereits BIM-konforme Prozesse vorgeschrieben. Warum befasst man sich nun auf europäischer Ebene mit dem Thema BIM?

Roland Zelles: In der am 15. Januar verabschiedeten EU-Richtline geht es generell um die Modernisierung des Vergaberechts in der EU. Zielsetzung hierbei war, bei der öffentlichen Beschaffung den besten Gegenwert fürs Geld zu erhalten, innovative Lösungen zu ermöglichen und insgesamt den Anbietern – und darunter vor allem auch kleinen und mittleren Unternehmen – den Zugang zu den Vergaben zu erleichtern. (siehe http://www.europarl.europa.eu/news/en/news-room/content/20140110IPR32386/html/New-EU-procurement-rules-to-ensure-better-quality-and-value-for-money ) Um dies zu erreichen, wird für den Bereich Bauen und Infrastruktur konkret der Einsatz von Verfahren des Building Information Modeling empfohlen.

AUTOCAD Magazin: Welche Gesichtspunkte in der Empfehlung des europäischen Parlaments halten Sie für besonders wichtig? 

Roland Zelles: Die EU-Richtline betont ganz klar Effizienz, fairen Wettbewerb und Flexibilität, um auch innovative Lösungswege zu ermöglichen. Das ist gut so, denn das ermöglicht einerseits einen umsichtigen Einsatz von Steuergeldern und erschließt andererseits die Innovations- und Effizienzpotenziale einer Wirtschaft, in der Unternehmen im Wettbewerb zueinander stehen. Besonders bemerkenswert ist, dass im Bereich Bauen und Infrastruktur der Lebenszyklus der Einrichtungen und die Nachhaltigkeit für die Bewertung von effizientem Ressourceneinsatz von zentraler Bedeutung sind. Damit werden Angebote fairer vergleichbar. Das setzt aber auch den Einsatz neuer und umfassenderer Planungsmethoden wie BIM voraus. Und genau das wird mit der EU-Richtlinie angestoßen.

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Roland Zelles, Vice President EMEA bei Autodesk: „Wir wissen alle, dass die billigste Anschaffung nicht zwangsläufig auf lange Sicht die kostengünstigste ist. Und gerade öffentliche Auftraggeber sollten mit Blick auf das Wohl der Allgemeinheit und kommender Generationen der Nachhaltigkeit einen besonderen Wert beimessen. Auch tragen öffentliche Auftraggeber Verantwortung für den besseren Einsatz von Steuergeldern.“

 

  

  

 

AUTOCAD Magazin: Nun ist ja mit der Richtlinie keine unmittelbare politische Entscheidung verbunden. Wann rechnen Sie mit der Umsetzung in Deutschland?

Roland Zelles: Ich erwarte eine Beschleunigung der Abstimmungsverfahren und Beschlüsse hierfür, denn die EU setzt doch einen klaren Rahmen. Außerdem beginnt man ja nicht bei Null, wie beispielsweise die Arbeit der Reformkommission für den Bau von Großprojekten zeigt. Gleichzeitig sehen wir hierbei, wie komplex die Zusammenhänge sind und wie politische Vorgänge – derzeit die Neuordnung der mit diesen Themen befassten Ministerien – die Abläufe beeinflussen. Eine konkrete Zeitprognose ist deshalb derzeit unrealistisch.

Interessant ist, wenn man in diesem Zusammenhang auf die Situation in Österreich blickt: Dort haben öffentliche Auftraggeber, große Bauunternehmen und Planungsbüros schon vor einiger Zeit die Notwendigkeit und Chancen von BIM erkannt und arbeiten zusammen an der Standardisierung von BIM. Die Beteiligten dort haben gemeinsam einen Standard festgelegt, der in seiner ersten Stufe vergleichbar ist mit den in Großbritannien definierten BIM-Anforderungen und Standards. Sie sehen, mit genügend Willen der Beteiligten, Pragmatismus und der Bereitschaft zur Kooperation kann das schnell gehen.

AUTOCAD Magazin: Warum können die öffentlichen Auftraggeber nicht einfach nur den Kostenrahmen setzen und die Art der Ausführung den Unternehmen überlassen?

Roland Zelles: Ganz einfach: Damit nicht die bisherige Intransparenz durch eine neue Intransparenz ersetzt wird. Wenn bei jedem Projekt das Rad neu erfunden werden muss und man erst einmal die gemeinsame technische „Sprache“ definiert, in der die Projektbeteiligten miteinander kommunizieren, dann schaffen wir nur neue Unklarheiten in den Projektabläufen. Das läuft einerseits der Zielsetzung nach Effizienz und Beschleunigung der Projekte zuwider. Andererseits könnten sich die Projektbeteiligten in einer eigenen Welt abschließen. Wenn ich aber wirklich in kompletten Lebenszyklen denke und Nachhaltigkeit ein erklärtes Ziel ist, dann benötige ich Verfahren, die auch künftigen Projektbeteiligten Transparenz über die jeweils aktuelle Situation geben können.

AUTOCAD Magazin: Warum ist BIM kein Selbstläufer, wenn doch die Vorteile für die Projektbeteiligten so klar auf der Hand liegen, und bedarf stattdessen staatlicher Förderung?

Roland Zelles: BIM ist ja an sich keine Technologie, sondern ein Konzept, ein Verfahrensansatz, mit dem ich die gestellte Aufgabe lösen kann. Zur konkreten Umsetzung benötigen Sie bestimmte Vereinbarungen und Standards. Hierfür brauchen Sie einen Rahmen, der diese Koordination ermöglicht. Blicken Sie auf die Länder, in denen BIM sich bereits durchgesetzt hat: nämlich deshalb, weil dort dieser Rahmen bereits gesetzt wurde. Diese Standards sind in der Regel frei zugänglich.

AUTOCAD Magazin: Welche Hürden bestehen heute für ein  BIM-erfahrenes  Bauunternehmen, zum Beispiel aus Großbritannien, in Deutschland um Aufträge mitzubieten?

Roland Zelles: Keine größeren und keine niedrigeren Hürden als für andere mitbietende Unternehmen auch, denn die Regeln sind ja für alle gleich. Doch haben Unternehmen mit etabliertem BIM-Prozess einen Wettbewerbsvorteil. Denn BIM-basierte Methoden helfen den Unternehmen auch bei internen Projektabläufen, effizienter und agiler zu handeln und eine deutlich höhere Planungssicherheit bei Kosten und Zeit zu erzielen.

AUTOCAD Magazin: Inwiefern wird durch ein europaweites BIM-Mandat auch ein liberalisierter Binnenmarkt für Bauprojekte entstehen?

Roland Zelles: Vom rechtlichen Rahmen her haben wir ja einen liberalisierten Binnenmarkt in der EU. Ein europaweites BIM-Mandat könnte dazu beitragen, dass die Unternehmen der Baubranche europaweit wettbewerbsfähig sind. Jedoch können Sie davon ausgehen, dass jedes Land seine eigenen „BIM-Standards“ definieren wird.

 „Die Autodesk-Aktivitäten zum Thema BIM und unsere weltweite Teilnahme bei der Definition von BIM-konformen Prozessen bei Unternehmen und Regierungsorganisationen unterstreicht unsere Bereitschaft, hier mit technischer Expertise zu unterstützen.“

AUTOCAD Magazin: Welche Chancen ergeben sich daraus für kleinere Architekturbüros und Bauunternehmen?

Roland Zelles: Größere Projekttransparenz eröffnet kleineren und oftmals auch spezialisierten Unternehmen die Möglichkeit, ihre Expertise marktgerecht einzubringen, ihre Angebote vergleichbar zu machen und mit den anderen Projektpartnern gut zu kooperieren. Davon profitieren Auftraggeber wie Unternehmen.

AUTOCAD Magazin: Es soll nach der Empfehlung bei öffentlichen Aufträgen nicht das billigste Angebot, sondern das Beste zum Zuge kommen.  Wie würden Sie diese Aussage interpretieren?

Roland Zelles: Wie schon gesagt, sind Nachhaltigkeit und der gesamte Lebenszyklus eines Projekts zentrale Kriterien bei der Ausschreibung und Auftragsvergabe – und das ist gut so. Es ist nach betriebswirtschaftlichen Kriterien sinnvoll, den Investitionskosten auch die Betriebs- und Unterhaltskosten hinzuzurechnen und die Entscheidung auf der Basis der TCO (Total Costs of Ownership) zu fällen. Bei Gebäuden fallen 80 Prozent der Kosten im laufenden Betrieb des Bestandes an. Wir wissen alle, dass die billigste Anschaffung nicht zwangsläufig auf lange Sicht die kostengünstigste ist. Und gerade öffentliche Auftraggeber sollten mit Blick auf das Wohl der Allgemeinheit und kommender Generationen der Nachhaltigkeit einen besonderen Wert beimessen. Auch tragen öffentliche Auftraggeber Verantwortung für den besseren Einsatz von Steuergeldern. Moderne Planungsmethoden wie BIM geben den Verantwortlichen, Planern und Umsetzern die Instrumente in die Hand, mit denen sie solche umfassenden Abwägungen vornehmen können.

AUTOCAD Magazin: Einige Großprojekte stehen derzeit im Feuer, der Untersuchungsbericht der Hamburger Bürgerschaft zur Elbphilharmonie nennt zum Beispiel Versäumnisse wie eine unzureichende Definition der Bauleistungen bei der Ausschreibung, Nachforderungen oder ein zerrüttetes Verhältnis zwischen Generalunternehmer und Architekten. Wie hätte BIM hier Abhilfe schaffen können?

Roland Zelles: Lassen Sie mich hierzu bitte einfach Stephen Kelly, CEO des Cabinet Office aus Großbritannien, zitieren. Er stellt fest: „Während 2010 nur 33 Prozent aller Projekte in der geplanten Zeit und im geplanten Budgetrahmen fertiggestellt wurden, sind das jetzt 66 Prozent.“ Und weiter: „Die Baukosten für einen Quadratmeter Schulgebäude sind von 2'400 britischen Pfund auf 1'400 britische Pfund, also um 40 Prozent gesunken.“ Ich glaube, dass diese Zahlen und Fakten die Frage am besten beantworten.

AUTOCAD Magazin: Welche Einflussmöglichkeiten haben die Softwareanbieter, um die politische Willensbildung in Sachen BIM voranzutreiben?

Roland Zelles: Die Autodesk-Aktivitäten zum Thema BIM und unsere weltweite Teilnahme bei der Definition von BIM-konformen Prozessen bei Unternehmen und Regierungsorganisationen unterstreicht unsere Bereitschaft, hier mit technischer Expertise zu unterstützen. Der Auftrag, das zu tun, und der Wille, diese Expertise zu nutzen, müssen natürlich von der Politik beziehungsweise den entsprechenden Gremien kommen.

AUTOCAD Magazin: Herr Zelles, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Andreas Müller.

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