Statement zur Digitalisierung im Baugewerbe

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Was liegt bei der Digitalisierung noch im Argen? Welche Bedingungen sollte die Politik schaffen? Wie können sich die Baubeteiligten den Herausforderungen durch BIM stellen? Anlässlich des Deutschen Obermeistertages in Berlin am 8. November 2016 hat Dipl.-Ing. Laura Lammel, Koopt. Mitglied des Vorstands des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes, Stv. Obermeisterin der Baugewerbe-Innung München, den aktuellen Stand und die Herausforderungen der Digitalisierung in der Bauwirtschaft einer kritischen Würdigung unterzogen.
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Was liegt bei der Digitalisierung noch im Argen? Welche Bedingungen sollte die Politik schaffen? Wie können sich die Baubeteiligten den Herausforderungen durch BIM stellen? Anlässlich des Deutschen Obermeistertages in Berlin am 8. November 2016 hat Dipl.-Ing. Laura Lammel,  Koopt. Mitglied des Vorstands des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes, Stv. Obermeisterin der Baugewerbe-Innung München, diese Fragen und den aktuellen Stand der Digitalisierung in der Bauwirtschaft kritisch analysiert.

von Dipl.-Ing. Laura Lammel,

wir haben gerade gehört, welche Anstrengungen die Bundesregierung unternimmt, Deutschland fit für die Herausforderungen der Digitalisierung zu machen.

Und in der Tat: Wir können lange über die Notwendigkeit diskutieren, Prozesse zu digitalisieren, wenn die Datennetze dafür nicht flächendeckend vorhanden sind. Und daran krankt es in unserem Land leider noch immer. In den Städten mag die Situation besser sein, aber verlässt man die Ballungsgebiete sieht die Situation oftmals trübe aus.

Eigentlich dachte ich immer, der Ausbau der Breitbandnetze, z.B. durch die Einrichtung von LTE-Funknetzen, hätte gerade in den ländlichen Gebieten Vorrang. Aber das scheint nicht der Fall zu sein. Viele dieser Gebiete, darunter z.B. die Touristenregionen an der Ostsee, aber auch weite Teile Brandenburgs und Bayerns sind funktechnisch gesehen Diaspora. Wir brauchen über viele Aspekte von Digitalisierung überhaupt nicht zu diskutieren, wenn die dafür notwendigen Netze nicht existieren bzw. zu schwach sind.

Liebe Kollegen, liebe Kolleginnen,

die Digitalisierung ist der Oberbegriff, der viele Aspekte umfasst, bei uns am Bau schlägt zurzeit immer wieder BIM auf. Es ist in aller Munde! Und es wird als Generallösung für alle Probleme der Digitalisierung in der Bauwirtschaft gesehen, insbesondere in Bezug auf die unzureichende Kooperation der am Bau Beteiligten bei Großprojekten. Beim Verkehrsministerium steht BIM auch als Synonym für die Digitalisierung am Bau. Aber ist es das wirklich? Ich meine nein!

Und will dieses auch gerne begründen: Wir reden über Digitalisierung in der Bauwirtschaft, wir sprechen nicht nur über die Veränderungen in unserem jeweiligen Unternehmen, sondern wir sprechen über die gesamte Wertschöpfungskette. Es geht um digitale Daten, um die elektronische Erhebung und Auswertung von Daten, die für verschiedene Geschäftsprozesse genutzt werden können. Es geht um Automation, um den Einsatz ganz neuer Technologien, es geht um die Vernetzung und Synchronisation bislang voneinander getrennter Aktivitäten; und es geht um den digitalen Zugang zum Internet bzw. in interne, geschützte Netze und Plattformen.

Ich frage Sie, wie viele leitende Mitarbeiter auf den Baustellen sind heute schon mit Smartphones oder Tablets ausgestattet, um bestimmte Daten zu erfassen oder Informationen zum Bauprojekt abzurufen? Gehe ich von uns in München aus, werden sämtliche Geodaten schon erfasst und zu Architekten und Planern eingespielt. Wir wissen genau, mit welcher Charge Betonfahrzeuge beladen sind und wo sie gerade fahren. Und wir wissen, ob unsere Maschinen auch samstags im Einsatz waren. All das leben wir heute schon in der Bauwirtschaft. Das ist Digitalisierung.

Was ich Ihnen hier darstelle, mag in Großstädten und für bestimmte Auftraggeber schon Wirklichkeit sein. Das ist unser Ziel, wo wir uns als Branche sehen und wo wir insgesamt hinkommen müssen. Und bevor der Einwand kommt, das geht nur die großen etwas an, sage ich Ihnen: Nein, es geht uns alle etwas an. Wer sich der Digitalisierung nicht stellt, wird den Anschluss verlieren und am Ende nicht mehr konkurrenzfähig sein. Nicht umsonst spricht man auch von der digitalen Revolution, die die gesamte deutsche Volkswirtschaft betrifft.

Die Baustellenlogistik ist wie BIM auch nur ein Aspekt der Digitalisierung; die umfassende Analyse und Auswertung von Geschäftsdaten gehört ebenfalls in diesen Zusammenhang. Die Daten dafür sind bereits vorhanden, aber es erfordert Zeit und das entsprechende Engagement, diese auch auszuwerten. Welcher Unternehmer weiß schon punktgenau und zu jeder Zeit wie sein Unternehmen dasteht?

Ein weiteres Stichwort ist die elektronische Ausschreibung, GAEB. Bis auf wenige kommunale Auftraggeber kommen die meisten Ausschreibungen heute schon elektronisch und werden auch elektronisch wieder versandt. Mit GAEB haben wir die dafür notwendige Schnittstelle erfolgreich geschaffen und eingeführt. Immerhin wurde GAEB, der Gemeinsame Ausschuss für Elektronik im Bauwesen, vor ziemlich genau 50 Jahren gegründet.

Und natürlich gehört BIM, also Building Information Modeling, mit in den Kontext der Digitalisierung. Bereits bei vergangenen Obermeistertagen war BIM immer wieder Thema. BIM kommt aus dem angelsächsischen Bereich, mit ganz anderen Strukturen im Hinblick auf Planen und Bauen. BIM trägt dort auch dazu bei, Chrash-Simulationen darzustellen und das Qualitätsmanagement in der Planung zu verbessern.

Und ich betone hier ausdrücklich das Qualitätsmanagement, sprich: die Verbesserung in der Planung. Daher geht auch mein Appell an Architekten und Planer, sich mit BIM auseinanderzusetzen.

Denn wenn ein Projekt im Vorlauf besser geplant ist, können wir schneller bauen, und damit meine ich: keine baubegleitende Planung. Auch wenn zukünftig dreidimensional geplant wird, werden wir auch dennoch einen einfachen, verständlichen und zweidimensionalen Plan auf der Baustelle benötigen. Wir sind das Baugewerbe.

Der Fliesenleger wird auf der Baustelle weiterhin auf einen Fliesenspiegel angewiesen sein; und für die Verbindung von Bewehrungseisen braucht der Bauarbeiter kein dreidimensionales BIM-Modell.

Und auch die Idee, diese Pläne nur auf Tablets und Smartphones vorzuhalten, geht auf der Baustelle nicht und kann vom Auftraggeber auch nicht erwartet werden.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich muss einen Plan in A0 vor mir sehen.

Liebe Kollegen,

wir werden uns daher weiter mit BIM befassen müssen. Denn wir werden früher oder später mit BIM arbeiten, ob wir das heute wollen oder nicht, spätestens dann, wenn unsere Auftraggeber das verlangen. Und ich spreche hier nicht nur über die öffentliche Hand, als deren Vertreterin Frau Staatssekretärin Bär heute hier ist. Ich spreche von privaten Auftraggebern, von großen Planungsbüros. Wir brauchen daher für BIM einheitliche Standards und Richtlinien, damit die Nutzung für uns als Unternehmer einfacher und kostengünstiger wird.

Es wäre fatal, wenn bundesweit verschiedene, nicht kompatible Standards entwickelt würden und diese nicht miteinander vernetzbar wären. Es ist nicht notwendig, dass alle Vergabestellen, Planer und Bauunternehmen die gleiche Technologie benutzen.

Es ist auch nicht notwendig, dass jedes Projekt allumfassend in BIM geplant wird. Sehr wohl ist es jedoch notwendig, dass die Formate soweit abgestimmt sind, dass an der Schnittstelle IFC der Austausch der Daten sichergestellt ist.

Ein gutes Beispiel dafür, dass dies gelingen kann, ist die GAEB-Schnittstelle, ich erwähnte es bereits. Bevor wir aber endgültig mit BIM arbeiten können, sind noch einige offene Punkte zu klären: Der Begriff BIM ist noch nicht endgültig definiert. Datenmanagement und Datenrechte sind noch nicht transparent und nicht geklärt. Die Sicherheit der Daten, vor allem im Hinblick auf die Bauherren, muss sichergestellt sein.

Die Schnittstelle IFC ist noch nicht konsolidiert. Die Zuständigkeiten im Projektraum für BIM sind noch nicht endgültig geklärt.

Liebe Kollegen, liebe Kolleginnen,

daraus ergeben sich aus unserer Sicht folgende Forderungen:

1. Die Bundesregierung muss dazu beitragen, dass unsere mittelständische Bauwirtschaft durch die Digitalisierung effizienter und leistungsfähiger wird. Unterstützung in diesem Prozess ist sehr willkommen.

2. Der Grundsatz der Trennung von Planen und Bauen muss auch in Zeiten von Digitalisierung und BIM beibehalten werden.

3. Die rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere das Vergaberecht mit dem Vorrang der Fach- und Teillosvergabe, müssen erhalten bleiben.

4. Bund und Länder müssen gemeinsam Standards, Normen und Richtlinien sicher stellen, die kompatibel, neutral und vernetzbar sind.

5. Die öffentliche Hand muss selbst BIM-Kompetenz aufbauen, bevor Unternehmen gezwungen werden nach BIM zu bauen.

Fazit: Der Stufenplan BIM des BMVi ist ohne entsprechende eigene Kompetenz nicht sinnvoll.

Liebe Kollegen,

trotz aller Wenn und Aber dürfen wir die Vorteile von BIM für den gesamten Entstehungsprozess und Lebenszyklus des Gebäudes nicht aus den Augen verlieren. Denn durch eine digitale Simulation des Projektes werden Fehler in der Planung minimiert, eine schnelle Kalkulation erlaubt und potenzielle Mehrkosten durch Planänderungen beziffert.

Dennoch ist BIM nur ein Baustein für eine umfassende Digitalisierungsstrategie der Bauwirtschaft.

Und: Wir werden den Zug nicht aufhalten können, und das sollten wir auch nicht tun.

Daher brauchen wir eine gemeinsame Plattform zum Austausch der Wertschöpfungskette Bau über die Digitalisierung, das gemeinsame Verständnis und das Tempo der Entwicklung.

Aber das wird nicht ausreichen. Wir brauchen einzelne Projekte und Fördermaßnahmen, um die Digitalisierung in unserer Branche voranzutreiben; dass sich diese an den Bedürfnissen der unserer mittelständischen Betriebe orientieren müssen, versteht sich von selbst.

Meine Damen und Herren,

unsere mittelständischen Bauunternehmen leisten 70 % des Branchenumsatzes.

Sie sind es, wir sind es, die in Deutschland tatsächlich bauen. Deshalb geht die Digitalisierung auch uns etwas an. Aber dieser Prozess wird je nach Größe, Gewerk und Aufgabengebiet des Bauunternehmens unterschiedlich ausfallen. Vor allem die kleineren Unternehmen müssen mit auf die Reise in eine digitale Zukunft genommen werden.

Liebe Kollegen, liebe Kolleginnen,

wir sind Unternehmer – wir sind es gewohnt, uns Herausforderungen zu stellen. Das gilt auch für die Digitalisierung.

 

Bild: Dipl.-Ing. Laura Lammel. Quelle: ZDB/Fabry

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