Wo BIM gelebt wird

Prof. Dr. Rasso Steinmann, buildingSMART, über die Zukunft des IFC-Datenformats

AUTOCAD Magazin: Die buildingSMART-Zertifikation 2.0 wurde 2010 eingeführt, aber erst kürzlich wurden die ersten vier Lösungen nach diesem Verfahren zertifiziert. Warum hat das so lange gedauert?

Prof. Dr. Rasso Steinmann: Wir mussten hier durch eine Lernkurve, denn eine Zertifizierung eines Standard-Datenformats in diesem Umfang wurde bis dato noch nicht unternommen. Es war in Summe wesentlich mehr Arbeit, als wir uns das zu Beginn vorgestellt hatten. Auch die Softwarehäuser mussten sich anfangs erst darauf vorbereiten. Das führte dazu, dass zunächst nur wenige Dateien exportiert wurden. Dann jedoch wurden die Softwarehäuser sehr aktiv und produzierten überraschend gleichzeitig eine Unmenge von Exportdateien, was zu Ressourcenengpässen im Zertifizierungsteam führte – erfahrene Zertifizierer mit fundiertem IFC-Know-how findet man ja nicht an jeder Straßenecke. Auch mussten die Softwarehäuser bei 50 Prozent der Tests eine Ehrenrunde einlegen, bis keine Fehler mehr gefunden wurden; es waren manchmal bis zu fünf Runden erforderlich. Nachdem dieser Berg abgearbeitet war, konnten wir die ersten Zertifikate erteilen. Jetzt, da uns ausreichend Export-Dateien zur Verfügung stehen, können wir auch mit den Import-Zertifikaten beginnen.

AUTOCAD Magazin: Inwiefern bildet das Zertifzierungsverfahren Vorgänge aus der Praxis ab?

Prof. Dr. Rasso Steinmann: Wir haben aus der Erfahrung der früheren ersten Zertifizierung und aus vielen Beispielen aus der Praxis die kritischen Fälle herauskristallisiert, die immer wieder Probleme bereitet haben. Die Tests selber wurden von Architekten und Bauingenieuren entwickelt. Darüber hinaus gibt es so genannte Random-Tests, die Beispiele aus der Praxis abbilden.

AUTOCAD Magazin: Können Sie uns, bitte, hierfür ein Beispiel nennen?

Prof. Dr. Rasso Steinmann: Beispiele sind die Verschneidung von Wänden und anderen Bauteilen in unterschiedlichsten Situationen, aber auch komplette Konstruktionen. Aus der Praxis bekommen wir auch extreme und merkwürdige Modelle von Anwendern, die sich nicht immer ganz im Klaren darüber sind, was sie da produzieren, zum Beispiel riesige Deckenplatten, die ohne Fugen so nie gebaut würden, aber leider manchmal so modelliert werden. Auch solche Fälle kommen in den Tests vor, damit die IFC-Schnittstellen robuster werden, und die Programme nicht einfach abstürzen, sondern vernünftig darauf reagieren.

AUTOCAD Magazin: Die vier zertifizierten Lösungen stammen von namhaften Anbietern der Branche. Wie stehen die Chancen für kleinere Anbieter mit spezialisierten Anwendungen, die Anforderungen zu meistern?

Prof. Dr. Rasso Steinmann: buildingSMART entwickelt für die unterschiedlichen Austauschanforderungen so genannte Model View Definitions. Diese beschreiben den Teil des umfassenden IFC-Datenmodells, den man jeweils für den Austausch von Informationen in bestimmten Situationen benötigt. Momentan zertifizieren wir gerade den so genannten CoordinationView, der einen Großteil des FC-Datenmodells abdeckt. Hier sind natürlich die Softwaresysteme mit umfassenden BIM-Funktionen gefordert. Spezialisierte Anwendungen werden nur in besonderen Situationen eingesetzt. Hier sind die Austauschanforderungen geringer, womit sich auch die Anforderungen im IFC-Datenaustausch reduzieren. Darüber hinaus unterscheiden wir in Export- und Import-Zertifizierung, was ebenfalls den Umfang für Anwendungen einschränkt, die IFC-Daten lediglich einlesen und auswerten wollen.

AUTOCAD Magazin: Wo sehen Sie die besonderen Stärken des IFC-Formats gegenüber Formaten wie DWG und DXF?

Prof. Dr. Rasso Steinmann: IFC hat eine Reihe von Stärken: Erstens ist es ein anerkannt neutrales Datenformat, gerade eben wurde es auch von der ISO als voller Standard übernommen. Dies ist ein wichtiger Aspekt insbesondere bei öffentlichen Ausschreibungen. Zweitens ist jede IFC-Version auf mehrere Jahre festgeschrieben, unterliegt also nicht den üblichen Änderungen von proprietären Dateiformaten mit jeder Programmversion. Drittens liegt die Spezifikation öffentlich vor und ist für alle einsehbar. Nicht zuletzt ist IFC heute das einzige uns zur Verfügung stehende Datenformat, mit dem wir Gebäudestrukturen und Bauteile in diesem Umfang zwischen unterschiedlichen Anwendungen austauschen können.

AUTOCAD Magazin: Ein Kritikpunkt besteht darin, dass die in den CAD-Systemen enthaltene Intelligenz mit IFC gar nicht übertragen werden kann, zum Beispiel, wenn man ein Bauteil wie eine Tür aus Programm A im Programm B für die Werkplanung weiterverwenden will. Wie sehen Sie das?

Prof. Dr. Rasso Steinmann: Als allgemeiner Datenstandard stellt die IFC einen gemeinsamen Nenner dar, der viele, aber nicht alle Aspekte abdecken kann, die in den unterschiedlichen CAD-Systemen angeboten werden. Auch die Notwendigkeit, dass jede IFC-Version als Standard immer für mehrere Jahre festgeschrieben ist, bedingt, dass nicht alle Änderungen und Erweiterungen, die jedes Jahr mit neuen CAD-Versionen einhergehen, darin abgebildet werden können. Man muss ja selbst dann mit einem gewissen Informationsverlust rechnen, wenn man Daten aus einer neueren CAD-Version mit einer älteren des gleichen Herstellers öffnet. Wer also hofft, mithilfe von IFC zu 100 Prozent alle Daten eines CAD-Systems mit einem anderen identisch weiter nutzen zu können, wird leider enttäuscht. Das ist aber in der Praxis meistens auch gar nicht notwendig, oft sogar unsinnig. Schon ein Architekt und ein Statiker sieht ein Gebäude aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Wer mit IFC gezielt Daten austauscht oder die Daten als Referenz für die Planungskoordination verwendet, kann daraus großen Nutzen ziehen.

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Prof. Dr. Rasso Steinmann: „Den Anteil der Zertifizierung am Erfolg von IFC sehe ich ähnlich wie den Anteil des TÜVs oder der NCAP-Crashtests am Erfolg des Automobils. Auch ohne diese Zertifikate würden vermutlich Autos verkauft werden, aber wer möchte sich in ein Auto ohne TÜV und Crashtest setzen?“

AUTOCAD Magazin: Welche Impulse kommen aus der Baubranche selbst, was die Weiterentwicklung des Standards betrifft?

Prof. Dr. Rasso Steinmann: Das ist regional sehr unterschiedlich: In Europa kommen die größten Impulse aus den skandinavischen Ländern, allen voran aus Norwegen. Sehr aktiv sind aber auch die Holländer und zunehmend jetzt Großbritannien, beflügelt durch die dortige Regierungsinitiative, und wichtige Impulse kommen natürlich auch aus den USA. In Deutschland sind es, verglichen mit unserem Bauvolumen, leider nur einige wenige Unternehmen, die sich hier aktiv einbringen, während entscheidendes technisches Know-how aus Deutschland stammt, mit dem die IFC aufgebaut wurde und weiterentwickelt wird. In der Vergangenheit waren es Anforderungen aus den Planungsprozessen an die Gebäudestruktur und Bauteile, die in IFC-Erweiterungen eingeflossen sind. Wichtige Impulse kamen auch aus dem Facility Management mit dem Bedarf, IFC-Daten im Gebäudebetrieb weiter zu nutzen. Heute kommen Impulse von Unternehmen, die ihre Prozesse ändern und auf BIM ausrichten. Hier geht es zum Beispiel darum, wie man zwischen Planungsgewerken gezielt BIM-Nachrichten austauschen kann, ohne immer gleich komplexe und große Gesamtmodelle versenden zu müssen. Neben dem Hochbau, der bisher mit IFC bedient wurde, werden zunehmend Forderungen aus dem Infrastrukturbereich laut. Weitere wichtige Impulse kommen von Unternehmen, die mit Bauteilkatalogen umgehen müssen. Dabei wird eine internationale Harmonisierung der Begrifflichkeiten von Bauteileigenschaften betrieben.

AUTOCAD Magazin: Es kommt immer wieder vor, dass große Bauprojekte nicht rechtzeitig fertig werden oder die ursprünglich vorgesehenen Budgets sprengen. Planungsfehler und mangelhafte Zusammenarbeit der Baubeteiligten werden dabei oft verantwortlich gemacht. Inwiefern könnten hier neutrale Standards Abhilfe schaffen?

Prof. Dr. Rasso Steinmann: Es ist meistens eine Verkettung verschiedener unglücklicher Faktoren, die immer wieder zu den Problemen in großen Bauprojekten führen. Neutrale Datenstandards per se helfen hier auch nicht weiter. Man kann jedoch beobachten, und es wurde ja auch jüngst in der Presse dazu ausführlich berichtet, dass große Bauprojekte dann erfolgreich verlaufen, wenn Planung, Controlling und Prozesse mit großer Disziplin betrieben werden und von Beginn an ein realistisches Budget festgesetzt wird. Dabei ist die Verfügbarkeit von aktuellen Informationen entscheidend. Bei der Umsetzung einer möglichst durchgängigen Datenverfügbarkeit spielen neutrale Datenstandards eine wichtige Rolle.

AUTOCAD Magazin: Welche Verbreitung wird das IFC-Format in – sagen wir einmal zwei bis drei Jahren haben und welchen Anteil daran würden Sie den Zertifizierungen zurechnen?

Prof. Dr. Rasso Steinmann: Den Anteil der Zertifizierung am Erfolg von IFC sehe ich ähnlich wie den Anteil des TÜVs oder der NCAP-Crashtests am Erfolg des Automobils. Auch ohne diese Zertifikate würden vermutlich Autos verkauft werden, aber wer möchte sich in ein Auto ohne TÜV und Crashtest setzen?

Die Verbreitung des IFC-Formats wird regional sehr unterschiedlich sein: Der Dreh- und Angelpunkt ist nicht das IFC-Format selber, sondern die Bereitschaft, BIM in den Prozessen zu adaptieren. Überall dort, wo BIM gelebt wird, ist IFC eine Selbstverständlichkeit; das ergibt sich automatisch, man kann das heute bereits beobachten. In den skandinavischen Ländern spricht man heute nicht mehr darüber „ob BIM“, sondern nur noch „wie BIM“ und damit auch darüber, wie IFC am effektivsten genutzt werden kann. Ich hoffe sehr, dass wir in Deutschland in zwei bis drei Jahren auch soweit sein werden. Die unabhängige Zertifizierung ist ein wichtiger Baustein in der Qualitätskontrolle der IFC-Schnittstellen. Dabei ist weniger der Tag der Zertifikatübergabe entscheidend, als vielmehr der Prozess, den das Softwarehaus bei den Tests vorher durchläuft. Schon im Laufe des letzten Jahres konnten wir viele Verbesserungen in den IFC-Schnittstellen beobachten, die eindeutig aus dem Prozess zur Zertifizierung resultieren. Eine buildingSMART-Zertifizierung hat auch ein Ablaufdatum, nach zwei Jahren muss eine Anwendung neu zertifiziert werden, und in diese Tests fließen dann die bis dahin weiter gesammelten Erfahrungen aus der Praxis ein. Nicht zuletzt geraten inzwischen einige Softwarehersteller unter Druck, weil in den Verträgen ihrer Anwender der Einsatz IFC-zertifizierter Software gefordert wird. Je mehr die Auftraggeber IFC verlangen, und das wird sich besonders in den öffentlichen Aufträgen durch die ISO-Anerkennung von IFC häufen, desto mehr werden die Bauherren auch darauf bestehen, dass in ihren Projekten nur zertifizierte Software eingesetzt wird.

 AUTOCAD Magazin: Herr Prof. Dr. Steinmann, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Andreas Müller.

Prof. Dr. Rasso Steinmann ist Institutsleiter am iabi – Institut für angewandte Bauinformatik gemeinnütziger e.V. (http://www.iabi.eu/). In buildingSMART ist er Chairman der ISG (Implementer Support Group), stellvertretender Vorsitzender buildingSMART deutschsprachig und Deputy Chairman buildingSMART international.

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