Dirk Vielsäcker und Plamen Kiradjiev über Factory-X und Traceability Das digitale Ökosystem

Verantwortliche:r Redakteur:in: Andreas Müller 5 min Lesedauer

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Produktqualität, Transparenz und Kundenvertrauen – all das beginnt mit einer konsequenten Rückverfolgbarkeit. Der Use Case „Traceability“ innerhalb der Initiative Factory-X zeigt, wie sich durch digitalen, kollaborativen Datenaustausch neue Maßstäbe für Transparenz, Fehlervermeidung und Effizienz in der industriellen Produktion setzen lassen. 

Interaktiv die Zukunft von Factory-X entdecken. (Bild:  Factory-X)
Interaktiv die Zukunft von Factory-X entdecken.
(Bild: Factory-X)

Im Gespräch mit Dirk Vielsäcker, Teil der Konsortialleitung Factory-X, und Plamen Kiradjiev, Product Owner, Anwendungsfall 2.08 – Traceability Factory-X –wollte das AUTOCAD Magazin mehr darüber erfahren.

AUTOCAD Magazin (ACM): Können Sie uns bitte die Ziele von Factory-X erklären?

Dirk Vielsäcker, Teil der Konsortialleitung Factory-X.(Bild:  Factory-X)
Dirk Vielsäcker, Teil der Konsortialleitung Factory-X.
(Bild: Factory-X)
Plamen Kiradjiev, Product Owner, Anwendungsfall 2.08, Traceability Factory-X.(Bild:  Factory-X)
Plamen Kiradjiev, Product Owner, Anwendungsfall 2.08, Traceability Factory-X.
(Bild: Factory-X)

Dirk Vielsäcker/Plamen Kiradjiev: Factory-X verfolgt das Ziel, ein offenes und kollaboratives digitales Ökosystem für die Fertigungsindustrie zu schaffen. Im Zentrum steht der Aufbau einer souveränen Dateninfrastruktur, die einen sicheren, interoperablen und skalierbaren Austausch von Daten ermöglicht – sowohl entlang der Lieferkette (horizontal) als auch innerhalb der Produktion (vertikal). Ziel ist es, Unternehmen zu befähigen, ihre Daten souverän zu teilen, Innovationen zu fördern und nachhaltige, resiliente sowie wettbewerbsfähige Produktionsprozesse zu etablieren. Factory-X setzt dabei auf elf konkrete Anwendungsfälle, die gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Forschung entwickelt und prototypisch umgesetzt werden.

Die Ziele von Factory-X

Welche Herausforderungen in der Fertigungsindustrie gaben den Anstoß für die Gründung?

Dirk Vielsäcker/Plamen Kiradjiev: Die Gründung von Factory-X wurde durch eine Vielzahl von Herausforderungen in der Fertigungsindustrie initiiert. Dazu zählen unter anderem fragmentierte Datenlandschaften, mangelnde Interoperabilität zwischen Systemen, fehlende Standards für den sicheren Datenaustausch zwischen Unternehmen, geringe digitale Durchdringung insbesondere bei KMU sowie die Notwendigkeit, regulatorische Anforderungen wie den EU Data Act zu erfüllen. Diese Hindernisse führten dazu, dass Digitalisierungsinitiativen oft im Pilotstadium verharrten und nicht breitflächig skaliert werden konnten. Factory-X adressiert diese Herausforderungen gezielt durch einen offenen und standardbasierten Ansatz.

Welche Branchen und Anwender profitieren besonders von den Entwicklungen?

Dirk Vielsäcker/Plamen Kiradjiev: Factory-X richtet sich vor allem an den Maschinen- und Anlagenbau, industrielle Zulieferer und Ausrüster, Betreiber von Fabriken und Produktionsstätten sowie Unternehmen entlang der gesamten industriellen Liefer- und Wertschöpfungskette. Sowohl Großunternehmen als auch KMU profitieren von modular integrierbaren Lösungen und Retrofit-Konzepten, die es ermöglichen, bestehende Maschinenparks und IT-Landschaften einzubinden. Anwender profitieren dabei von optimierten Prozessen, neuen digitalen Geschäftsmodellen wie As-a-Service-Modellen, verbesserter Transparenz und gesteigerter Wettbewerbsfähigkeit.

Wo liegen die Schwerpunkte im Use Case „Traceability“?

Dirk Vielsäcker/Plamen Kiradjiev: Unter Traceability oder Rückverfolgbarkeit im Fertigungskontext versteht man, Informationen über die Herstellungshistorie eines Produkts, wie verwendetes Material, eingebaute Komponenten, Maschinenkonfigurationen oder Prozessdaten, zu haben. Diese Daten sind die wichtigsten Einflussparameter für die Produktqualität und umfassen nicht nur die eigene Produktion, sondern auch die Stufen davor in der Lieferkette. Daher betrachten wir im Use Case „Traceability“ zwei Aspekte: vertikale Traceability für die standardisierte Erfassung und tiefe Analyse im eigenen Shopfloor sowie horizontale Traceability. Hier liegt der Fokus auf dem sicheren und datensouveränen Austausch zwischen direkten Partnern in der Lieferkette.

Factory-X & Traceability, Messestand Factory-X
Souveräne Dateninfrastruktur in Factory-X.
(Bild: Factory-X)

Mittels der übertragenen, standardisierten Daten können Qualitätsprobleme schneller behoben werden, Fehler und Ausschuss reduziert werden und regulatorische Vorgaben effizienter erfüllt werden. Kurz gesagt, Lieferketten werden optimiert und die Kundenzufriedenheit erhöht. Der sichere und standardisierte Datenaustausch ermöglicht darüber hinaus die verbesserte Realisierung weiterer Use Cases.

Traceability und Produktentwicklung

Was bedeutet das für die Produktentwicklung?

Dirk Vielsäcker/Plamen Kiradjiev: Eine effiziente Rückverfolgung von Qualitätsproblemen über Unternehmensgrenzen hinweg erlaubt die Rückkopplung von Endkunden-Feedback bis hin zu Engineering, sowohl der eigenen als auch der Produkte der Lieferanten. Durch die Standardisierung der ausgetauschten Daten und den Ökosystem-Mechanismen zum sicheren und vertrauensvollen Austausch wird der erforderliche Aufwand für einen Austausch in anderen Wertschöpfungsketten reduziert und auch Sicherheitsbedenken werden erheblich gesenkt. So greift der generelle Ansatz auch beim Produktentstehungsprozess, wenn etwa Konzeptmodelle und Engineeringdaten über Partnergrenzen hinweg ausgetauscht werden. In Factory-X verfolgen wir das im Use Case „Integrated Toolchains and Collaborative Engineering“.

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Wie verändert sich dadurch die Arbeit von Konstrukteuren und Ingenieuren?

Dirk Vielsäcker/Plamen Kiradjiev: Die Nutzung von Kunden- und Lieferantendaten ist wertvoll und schützenswert. Ein digitales Ökosystem schafft hier die Voraussetzungen hinsichtlich Vertrauens, Effizienz im Datenaustausch und effektivem Nutzen der Daten. Entwickler aller Disziplinen können schneller, in einer gesicherten Weise und durch Standardisierung auch in passgenaueren Verwendungsmöglichkeiten zusammenarbeiten.

Factory-X und der Digitale Produktpass (DPP) ergänzen sich ideal: Die im Rahmen von Factory-X entwickelte Dateninfrastruktur ermöglicht es, Produktinformationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg sicher, standardisiert und interoperabel zu erfassen und weiterzugeben.

Synergien mit dem Digitalen Produktpass

Können Sie uns, bitte, ein Beispiel nennen?

Dirk Vielsäcker/Plamen Kiradjiev: Das zuvor erwähnte Qualitätsproblem basiert auf einer konkreten Situation: Der Kunde hat einen Fehler in einer konkreten Komponente gefunden und hat auf Verdacht, dass die gesamte Lieferung betroffen ist, diese an den Lieferanten zurückgeschickt. Die erneute Qualitätsprüfung eines jeden Teils der Lieferung ist nicht nur aufwändig, sondern bringt keinen Rückschluss auf die Ursache des potenziellen Qualitätsproblems. Eine daten- und/oder modellbasierte Analyse kann nicht nur die potenziellen Fehlteile einschränken, sondern auch die Ursachen im Produktionsprozess identifizieren und proaktive Maßnahmen einleiten, wie zum Beispiel die Anpassung von Maschinenkonfigurationen. Im Weiteren können diese Ergebnisse auch in der Entwicklung neuer Teile und Verbesserung der Produktion verwendet werden.

Inwiefern gibt es hier Synergien zum Digitalen Produktpass?

Dirk Vielsäcker/Plamen Kiradjiev: Factory-X und der Digitale Produktpass (DPP) ergänzen sich ideal: Die im Rahmen von Factory-X entwickelte Dateninfrastruktur ermöglicht es, Produktinformationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg sicher, standardisiert und interoperabel zu erfassen und weiterzugeben. Der Digitale Produktpass profitiert von dieser Infrastruktur, indem er Daten zu Herkunft, Nachhaltigkeit, Reparaturfähigkeit und Recyclingfähigkeit eines Produkts zuverlässig bereitstellen kann. So werden regulatorische Anforderungen erfüllt und neue Anwendungen für Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit geschaffen.

Wie können Konsortien für Factory-X einen Beitrag zur digitalen Souveränität leisten?

Dirk Vielsäcker/Plamen Kiradjiev: Das Konsortium von Factory-X schafft einen vertrauenswürdigen Raum für den Datenaustausch, in dem Unternehmen die Kontrolle über ihre Daten behalten. Durch gemeinsame Entwicklung von Standards, Schnittstellen und Geschäftsmodellen fördert es digitale Souveränität – insbesondere für mittelständische Unternehmen. Das Konsortium ermöglicht es, Innovationen vorwettbewerblich zu testen, Wissen zu teilen und gemeinsam tragfähige Lösungen für die Industrie zu entwickeln.

Factory-X richtet sich vor allem an den Maschinen- und Anlagenbau, industrielle Zulieferer und Ausrüster, Betreiber von Fabriken und Produktionsstätten sowie Unternehmen entlang der gesamten industriellen Liefer- und Wertschöpfungskette.

Was sind die nächsten wichtigen Schritte?

Dirk Vielsäcker/Plamen Kiradjiev: Zu den nächsten Schritten von Factory-X zählen die Weiterentwicklung und Validierung der elf Use Cases in realen Industrieumgebungen, der Ausbau der technischen Infrastruktur, insbesondere des MX-Port-Konzepts für interoperablen Datenaustausch, die Stärkung der internationalen Vernetzung durch den International Manufacturing-X Council, die Etablierung einer nachhaltigen Governance auch über den Projektabschluss hinaus sowie der Transfer der entwickelten Lösungen in die Breite, besonders auch zu KMU. Diese Maßnahmen werden die digitale Transformation der Fertigungsindustrie weiter vorantreiben und als Vorbild für andere Branchen dienen. (ra)

Die Fragen stellte Andreas Müller.

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