Dr. Stefan Nürnberger, Veecle, über flexiblere Produktentwicklung Hard- und Software entkoppeln -- ein Wettbewerbsvorteil

Verantwortliche:r Redakteur:in: Andreas Müller 5 min Lesedauer

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Im Interview mit dem Autocad Magazin erklärt Dr. Stefan Nürnberger, Mitgründer und CEO von Veecle, eines Unternehmens, das sich auf moderne Softwareansätze für Fahrzeughersteller sowie Branchen wie Robotik und IoT spezialisiert hat, warum die enge Kopplung von Software und Hardware die Produktentwicklung in Europas Industrie bremst – und wie sich das ändern lässt.

Programmierung, Simulation, Validierung und Bereitstellung finden in einer einzigen Cloud-Umgebung statt. (Bild:  Veecle)
Programmierung, Simulation, Validierung und Bereitstellung finden in einer einzigen Cloud-Umgebung statt.
(Bild: Veecle)

Klassische Modelle der Produktentwicklung sind stark hardwaregetrieben. Doch flexible Software-Plattformen, virtuellen Entwicklungsumgebungen und datenbasierten Ökosystemen gewinnen an Boden. Denn Unternehmen, die Software unabhängig von konkreter Hardware entwickeln, können schneller auf neue Chips reagieren, Produkte effizienter aktualisieren und Lieferkettenrisiken besser abfedern.

Autocad Magazin (ACM): Herr Dr. Nürnberger, warum wird die enge Kopplung von Software an konkrete Chips zunehmend zu einem strategischen Risiko für die europäische Industrie?

Dr. Stefan Nürnberger: Die starke Kopplung von Software und Hardware hat heute direkte Auswirkungen auf die Innovationsgeschwindigkeit. Lange Zeit war das kein Problem, weil es der klassische Entwicklungsstandard war: Zuerst wurde entschieden, welche Hardware und welcher Chip eingesetzt werden. Danach konnte die Softwareentwicklung beginnen.

Produktentwicklung mit Veecle OS: Eine Open-Source-Laufzeitumgebung, die Hardware und Betriebssystem abstrahiert und Anwendungen vom Prototyp bis zur Produktion portabel hält.
Veecle OS: Eine Open-Source-Laufzeitumgebung, die Hardware und Betriebssystem abstrahiert und Anwendungen vom Prototyp bis zur Produktion portabel hält.
(Bild: Veecle)

Dieses Modell hat jahrzehntelang funktioniert. Heute leben wir aber in einer extrem schnelllebigen Welt, und Unternehmen, die sich von diesem starren Ablauf gelöst haben, sind klar im Vorteil. Sie konzentrieren sich auf Software als eigentliches Unterscheidungsmerkmal und behandeln die Hardware eher als austauschbare Basis. Dadurch lassen sich Chips schneller ersetzen oder verbessern, ohne die gesamte Software neu entwickeln zu müssen. Oft genügt es, Treiber oder Schnittstellen anzupassen.

Für Europa ist das strategisch relevant: Wer weiter an festen Hardware-Software-Abhängigkeiten festhält, verliert Zeit, Flexibilität und letztlich Wettbewerbsfähigkeit.

Was die Produktentwicklung ausbremst …

ACM: Wie wirkt sich das konkret auf Innovationsgeschwindigkeit und Wettbewerbsfähigkeit aus?

Dr. Stefan Nürnberger: Sehr direkt. Wenn jede neue Hardwaregeneration eine neue Softwaregeneration erzwingt, verlangsamt das Entwicklungszyklen massiv. Produkte kommen später auf den Markt, Updates dauern länger und Innovationen kosten deutlich mehr.

Dr. Stefan Nürnberger, Mitgründer und CEO von Veecle.(Bild:  Veecle)
Dr. Stefan Nürnberger, Mitgründer und CEO von Veecle.
(Bild: Veecle)

Unternehmen mit entkoppelten Architekturen können dagegen neue Funktionen viel schneller ausrollen, weil die Software bereits vorhanden ist und nur angepasst werden muss. Das erhöht nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Skalierbarkeit.

Gerade im globalen Wettbewerb sehen wir, dass asiatische Unternehmen in vielen Bereichen deutlich agiler agieren. Sie bringen schneller neue Produkte auf den Markt und übertragen vorhandene Softwarekompetenz auf neue Gerätekategorien.

ACM: Können Sie dafür, bitte, aktuelle Beispiele nennen?

Dr. Stefan Nürnberger: Ein Beispiel, wo das weniger gut funktioniert, ist die Automobilindustrie. Bei europäischen Herstellern wie VW oder BMW sieht man, dass unterschiedliche Hardwaregenerationen oft nicht mehr mit neuen Softwareversionen kompatibel sind.

Gerade im globalen Wettbewerb sehen wir, dass asiatische Unternehmen in vielen Bereichen deutlich agiler agieren. Sie bringen schneller neue Produkte auf den Markt und übertragen vorhandene Softwarekompetenz auf neue Gerätekategorien.

Ein Kunde kauft beispielsweise ein Fahrzeug Ende 2023, ein anderer wenige Monate später äußerlich fast dasselbe Modell. Trotzdem erhält nur das neuere Fahrzeug weitere Updates, weil intern andere Chips verbaut wurden. Für den Kunden ist das schwer nachvollziehbar – und es wirkt technologisch rückständig.

Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die das sehr gut beherrschen. Chinesische Firmen wie etwa Xiaomi entwickeln Softwareplattformen, die vom Roller über den Staubsaugerroboter bis zum Smartphone funktionieren. Segway-Ninebot überträgt Plattformkompetenz von Kick-Scootern auf Mähroboter und Lieferfahrzeuge. Das zeigt: Wer Software als Kernkompetenz versteht, kann neue Märkte schneller erschließen.

… und wie sich das ändern lässt

ACM: Wie funktioniert die Entkopplung von Software und Hardware in der Praxis?

Dr. Stefan Nürnberger: Technisch geschieht das über saubere Softwarearchitektur und standardisierte Schnittstellen – sogenannte APIs, also Application Programming Interfaces. Eine Anwendung arbeitet dann nicht direkt mit einem bestimmten Chip, sondern mit abstrahierten Funktionen. Die Software fordert beispielsweise ein Kamerabild, eine GPS-Position oder Temperaturdaten an. Wie genau die darunterliegende Hardware das liefert, bleibt verborgen.

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Entwickler können Software schon bauen und testen, bevor die reale Hardware überhaupt existiert.(Bild:  Veecle)
Entwickler können Software schon bauen und testen, bevor die reale Hardware überhaupt existiert.
(Bild: Veecle)

Das kennen wir aus der Smartphone-Welt: Eine App funktioniert auf tausenden unterschiedlichen Geräten, obwohl Kameras, Prozessoren oder Sensoren völlig unterschiedlich sind. Genau dieses Prinzip lässt sich auf Autos, Haushaltsgeräte, Robotik oder Industrieanlagen übertragen.

ACM: Welche Rolle spielen virtuelle Entwicklungsumgebungen und Hardwareemulationen?

Dr. Stefan Nürnberger: Eine sehr große. Entwickler können Software heute oft bauen und testen, bevor die reale Hardware überhaupt existiert. Ein Unternehmen kann einen neuen Rasenmähroboter, ein Fahrzeugsteuergerät oder ein Smart-Home-Gerät zunächst virtuell simulieren. Kameras, Sensoren, GPS-Daten oder Motorsteuerung lassen sich nachbilden.

Dadurch erkennt man sehr früh Probleme, beispielsweise, dass eine Kamera höher positioniert werden müsste oder ein Sensor ungünstig sitzt. Solche Erkenntnisse in einer späten Entwicklungsphase zu gewinnen, wäre teuer und zeitaufwändig. Virtuelle Entwicklung spart also Zeit, Geld und reduziert Fehlentscheidungen.

ACM: Inwiefern kann künstliche Intelligenz diese Entwicklung vorantreiben?

Dr. Stefan Nürnberger: KI beschleunigt Entwicklungsprozesse massiv – vom CAD-Design über Benutzeroberflächen bis hin zur eigentlichen Programmierung. Viele Standardaufgaben lassen sich heute automatisieren oder stark vereinfachen. Dazu gehört auch Code für Bilderkennung, Sensorfusion oder Steuerungslogik.

Dadurch entsteht derzeit eine deutliche Schere zwischen Unternehmen, die KI aktiv einsetzen, und solchen, die noch zögern. Kleine, agile Firmen erzielen teils enorme Effizienzsprünge. Große Organisationen riskieren dagegen, zurückzufallen.

ACM: Wo liegen die größten Hürden bei der Umstellung auf parallelisierte Entwicklung?

Dr. Stefan Nürnberger: Meist nicht in der Technik, sondern in der Organisation. Viele große Unternehmen arbeiten historisch in klar getrennten Abteilungen: Mechanik, Elektronik, Software. Entscheidungen laufen nacheinander statt parallel. Feedback-Schleifen sind langsam.

Moderne Entwicklung verlangt jedoch, dass Maschinenbauer, Elektrotechniker und Softwareteams gleichzeitig arbeiten und laufend iterieren. Das funktioniert in kleineren Teams oder Open-Source-Strukturen oft leichter als in Konzernen.

Die eigentliche Herausforderung ist daher kulturell und organisatorisch: Man muss ändern, wie ein Unternehmen arbeitet.

Wenn Software auf mehreren Chips lauffähig ist, kann ein Unternehmen im Krisenfall schneller den Zulieferer wechseln.

ACM: Wie hilft eine hardwareagnostische Softwarestrategie gegen Lieferkettenrisiken?

Dr. Stefan Nürnberger: Sehr stark. Wenn Software auf mehreren Chips lauffähig ist, kann ein Unternehmen im Krisenfall schneller den Zulieferer wechseln. Während der Pandemie sah man, dass manche Hersteller wegen fehlender Einzelkomponenten Fahrzeuge oder Geräte nicht fertigstellen konnten. Andere Unternehmen konnten alternative Chips einsetzen, ohne dass das Produkt grundsätzlich neu entwickelt werden musste. Das erhöht Resilienz erheblich – und Resilienz ist heute ein Wettbewerbsfaktor.

ACM: Welche Veränderungen im globalen Wettbewerb erwarten Sie bis 2035, wenn sich der Fokus von Chipproduktion hin zu Systemarchitektur, Softwareintegration und Datenökosystemen verschiebt?

Wer künftig nur Chips produziert, aber keine integrierten Systeme beherrscht, wird austauschbar. Entscheidend werden Plattformen, Software, Nutzererlebnis, Services und die Fähigkeit, neue Produkte schnell auf den Markt zu bringen.

Dr. Stefan Nürnberger: Ich sehe darin eine große Chance. Europa hat starke Industriekompetenz, Ingenieurwissen und hochwertige Fertigung. Wenn es gelingt, diese Stärken mit schnellen Softwarezyklen, offenen Plattformen und datengetriebenen Geschäftsmodellen zu verbinden, kann Europa wieder deutlich wettbewerbsfähiger werden.

Wer künftig nur Chips produziert, aber keine integrierten Systeme beherrscht, wird austauschbar. Entscheidend werden Plattformen, Software, Nutzererlebnis, Services und die Fähigkeit, neue Produkte schnell auf den Markt zu bringen. Wenn Europa das versteht und konsequent umsetzt, kann es bis 2035 im globalen Wettbewerb wieder deutlich aufholen.

ACM: Herr Dr. Nürnberger, vielen Dank für das Gespräch.

 Alle Bilder: Veecle

Weitere Informationen: https://www.veecle.io/