Deutschland steht vor der größten Infrastruktur-Investitionswelle seit Jahrzehnten. Bentley Systems will Behörden und Unternehmen dabei unterstützen – mit offenen Workflows, digitalen Zwillingen und KI-gestützten Anwendungen von der Planung bis zum Betrieb. Ein Gespräch mit Nathan Marsh, Senior Vice President für Europa, den Nahen Osten und Afrika (EMEA) bei Bentley Systems.
Infrastruktur-Offensive: Bund, Länder und Kommunen wollen Milliardenbeträge in den Ausbau und die Modernisierung von Schienenwegen, Straßen, Energie- und Versorgungsnetzen investieren.
Deutschland steht vor einer historischen Infrastruktur-Offensive. Bund, Länder und Kommunen wollen in den kommenden Jahren Milliardenbeträge in den Ausbau und die Modernisierung von Schienenwegen, Straßen, Energie- und Versorgungsnetzen sowie in die digitale Transformation öffentlicher Infrastrukturen investieren. Andererseits wachsen die Anforderungen an Nachhaltigkeit, Transparenz, Planungsqualität und die Einhaltung regulatorischer Vorgaben. Digitale Methoden wie Building Information Modeling (BIM), digitale Zwillinge und zunehmend auch künstliche Intelligenz etablieren sich als Werkzeuge, die komplexe Projekte effizienter planen, bauen und langfristig betreiben helfen.
Für Softwareanbieter eröffnet dies erhebliche Marktchancen. Einer der Akteure, die ihre Aktivitäten in Deutschland gezielt ausbauen, ist Bentley Systems. Das Unternehmen setzt auf offene Datenstrukturen, durchgängige digitale Workflows und KI-gestützte Anwendungen entlang des gesamten Infrastruktur-Lebenszyklus. Im Gespräch erläutert Nathan Marsh, Senior Vice President EMEA bei Bentley Systems, warum Deutschland aktuell im Fokus des Unternehmens steht, welche Rolle digitale Zwillinge künftig spielen und wie sich Infrastrukturprojekte mit Hilfe moderner Technologien schneller, transparenter und wirtschaftlicher realisieren lassen.
Bauen aktuell: Warum ist Deutschland für Bentley Systems derzeit ein strategischer Schwerpunkt?
Nathan Marsh: Deutschland war für Bentley schon lange eine Schlüsselregion. Aktuell kommen mehrere Faktoren zusammen: das gewaltige Infrastrukturprogramm über rund eine halbe Billion Euro für Schiene, Straße, Energie, Digitalisierung und Klimamaßnahmen, verschärfte geopolitische Rahmenbedingungen und die verbindliche BIM-Einführung im Bundesbereich. Das alles signalisiert den stärksten Investitions- und Nachfrageschub seit Jahrzehnten. Behörden brauchen nun Lösungen, um schneller, besser, transparenter und über den gesamten Lebenszyklus verantwortbar zu liefern. Und gerade hier ist Bentley mit seinem Infrastrukturfokus stark aufgestellt.
In welchem Umfang unterstützt Bentley die digitale Transformation bei Planung, Bau und Betrieb in Deutschland?
Nathan Marsh: Wir bauen Team, Partnerschaften und Präsenz in Deutschland weiter aus, sichtbar etwa durch unseren Tech-Summit in Berlin und unser Engagement bei der BIM World Munich. Entscheidend sind Investitionen in lokales Know-how und passgenaue Software: prüffähige BIM-Workflows, digitale Beschaffung mit End-to-End-Lebenszyklus, georäumlicher Kontext. Unsere Lösungen sind für Infrastruktur entwickelt – von Ingenieuren für Ingenieure – und decken Planung, Entwurf, Bau und Betrieb ab. Mit der Übernahme von Cesium spannen wir den Bogen vom Untergrund bis in den Weltraum. Erfahrung, Fähigkeiten und Deutschland-Fokus positionieren uns als vertrauenswürdigen Partner.
Können Sie bitte Beispiele aus Deutschland nennen?
Nathan Marsh: Erstens Siemensstadt Square in Berlin: ein 25-jähriges, klimaneutrales Stadtquartier auf 70 Hektar. Mit iTwin, ProjectWise und OpenCities Planner entstand ein offener, integrierter digitaler Zwilling als Common Data Environment für 3D-BIM- und GIS-Daten. Das eröffnet einen schnelleren, konsistenteren Zugang zu kontextualisierten Informationen und eine hochwertige Visualisierung, die auch die Öffentlichkeit einbindet – entscheidend für Planungssicherheit über Jahrzehnte.
Zweitens die Hochgeschwindigkeitsstrecke Gelnhausen–Fulda der Deutschen Bahn: Mit Plaxis und Leapfrog haben wir einen vernetzten Datenraum für 3D-Untergrundmodellierung und Zustandsüberwachung aufgebaut. Präzise geotechnische Berechnungen ermöglichten 100 Bohrungen und Aushübe „right first time“. Das reduziert Risiken reduziert und stellt die Leistung schneller wieder her.
Welche Rolle spielen KI und Machine Learning in Ihren Lösungen für deutsche Projekte?
Nathan Marsh: Wir gehen KI bewusst und vertrauensbasiert an – mit klarem Herkunftsnachweis für Daten und Code. Produkte mit ‚Plus“‘ sind KI-infundiert, etwa OpenSite Plus, Substation Plus oder Synchro Plus. Sie verwandeln fragmentierte Projektdaten nahezu sofort in verwertbare Erkenntnisse. Somit können Anwender Risiken vorhersagen, Termine optimieren und Workflows automatisieren. Wir sichern damit Transparenz, Compliance und Prüfbarkeit jeder Entscheidung, und das ist zentral für Investoren und Regulatoren in Deutschland.
Auf der ‚Year in Infrastructure‘ haben wir OpenSite Plus offiziell vorgestellt und wir erreichen damit bis zu zehnmal schnellere Entwürfe ohne Genauigkeitsverlust. In Verbindung mit der Bentley Infrastructure Cloud schließen wir die Lücke zwischen Investitions-, Liefer- und Betriebssicherheit.
Was unterscheidet Bentley von anderen Anbietern im deutschen Markt?
Nathan Marsh: Unser Alleinstellungsmerkmal ist der konsequente Infrastrukturfokus über den gesamten Lebenszyklus von BIM/CAD über Bauausführung (Synchro) bis hin zur Asset Performance (AssetWise), den wir in einem durchgängigen, digitalen Zwilling zusammenführen. Wir sind interoperabel und liefern ‚Audit-ready‘-Workflows, 4D/5D-Synchronisation und Governance mit ProjectWise sowie den KI-gestützten iTwin. Viele Auftraggeber wählen uns wegen strenger Compliance-Ausrichtung, belastbarer Nachverfolgbarkeit und tiefer Branchenintegration, etwa in Partnerschaften wie mit Siemens (Siemensstadt).
Wo sehen Sie die größten Digitalisierungshemmnisse – und wie adressiert Bentley diese?
Nathan Marsh: Erstens in der Fragmentierung. Wir sehen vielfältige Werkzeuge, Formate, Insellösungen über die Kette von Planung bis Betrieb. Dem begegnen wir mit der offenen, anwendungsagnostischen iTwin-Plattform (IFC, CAD, GIS, Punktwolken, IoT), ohne Zwang zum Systemwechsel. Hinzu kommen die Governance via ProjectWise und die Vereinheitlichung von Dokumenten, Terminen, Mengen und Baudaten mit Synchro Plus.
Ein weiteres Hemmnis sind die Altbestände. Dazu gehören historische Pläne, Teil-BIM, inkonsistente Assetdaten. iTwin Capture (Reality Data) und AssetWise schaffen hier einen belastbaren digitalen Zwilling für Brownfields. So lässt sich Bestand digital managen, nicht nur der Neubau.
Und schließlich gibt es DB-Richtlinien, EU-Taxonomie und HOAI. Mit vollständigem Änderungsnachweis und Modellprovenienz in ProjectWise und iTwin liefern wir die erforderliche Prüfbarkeit.
Der Fachkräftemangel ist in Deutschland ein zentrales Thema. Wie können digitale Lösungen helfen, diese Lücke zu schließen?
Nathan Marsh: Ja, das ist in Deutschland ein großes Thema. Das hat sich zuletzt auch gezeigt, als sich über 500 Kolleginnen und Kollegen, Kunden und Anwender von Bentley getroffen haben: Der Fachkräftemangel zog sich als roter Faden durch die Diskussionen. Digitale Lösungen können die Lücke schließen, indem sie die Produktivität pro Ingenieur steigern und manuelle Tätigkeiten reduzieren. Unsere Werkzeuge mit Automatisierung und KI übernehmen wiederkehrende Aufgaben wie Scan-zu-Modell-Konvertierung, Kollisionsprüfung und Bausimulation. So gewinnen Ingenieurinnen und Ingenieure Zeit für höherwertige Entscheidungen – und insgesamt mehr Kapazität. Wir sind überzeugt: KI ersetzt nicht, sondern wirkt als enger Co-Pilot, beschleunigt Workflows und senkt Fehler, lässt aber die menschliche Entscheidung dort, wo sie hingehört – an den kritischen Punkten. Außerdem engagieren wir uns in Aus- und Weiterbildung, bei Bentley und im Ökosystem. Wir investieren in Programme wie iTwin for Good und den Global Student Challenge. Die Teilnehmenden beeindrucken mich immer wieder durch ihre Ideen und den Technologieeinsatz zur Überbrückung der Skills-Lücke. Solche Initiativen schaffen eine Talent-Pipeline für die Branche und rüsten junge Fachkräfte so aus, dass sie von Beginn an 'digital first' in Planung und Bau einsteigen. Ich bin überzeugt, dass wir damit in den nächsten fünf Jahren vieles nach Deutschland bringen können.
Deutschland hat ambitionierte Klimaziele. Inwiefern unterstützt Bentley die Planung und Umsetzung klimaresilienter und nachhaltiger Infrastruktur?
Nathan Marsh: Mit den genannten Beispielen – und weit darüber hinaus – ermöglichen wir den Entwurf und Betrieb CO2-ärmerer Anlagen, sowohl beim eingebetteten als auch beim emittierten Kohlenstoff. Wir setzen Simulationen ein, um Klimarisiken zu mindern und den Betrieb effizienter zu gestalten, und wir liefern die entscheidenden Nachweise. Denn bei Klima- und Emissionsfragen müssen Anbieter wie wir mit Nutzern zusammenarbeiten, um Emissionen zu identifizieren, zu reduzieren und zu belegen. Dieser Nachweis ist – auch im Kontext der EU-Taxonomie – zentral. Darum werden digitale Zwillinge zum Kern einer Strategie für klimaresiliente Infrastruktur.
Ziele wie CO2-Reduktion im Rahmen der deutschen Vorgaben und des EU Green Deal verlangen verifizierbare, lebenszyklusbasierte Emissionsminderungen – beides ist anspruchsvoll. In iTwin steht eine Lebenszyklus-CO2-Analyse bereit: Planerinnen und Planer können eingebetteten Kohlenstoff in Materialien und emittierten Kohlenstoff in Aktivitäten quantifizieren, vergleichen und belegen – von Herstellung über Transport und Bau bis zur Nutzung. Wir modellieren Szenarien und geben Optionen: weniger CO2 über längere Zeit, kürzere Zeit mit höheren Kosten und geringeren Emissionen – oder umgekehrt. So lassen sich Zielkonflikte abwägen und der richtige Ausgleich finden. Unsere offenen APIs binden deutsche und EU-konforme CO2-Datenbanken an, sodass Stakeholder Belege gegenüber Investoren und Regulatoren erbringen können. Das schafft mehr Vertrauen, dass Entscheidungen richtig sind, und das lässt sich belegen.
Mit welchen deutschen Unternehmen, Verbänden oder Institutionen arbeitet Bentley zusammen, um die Bedürfnisse im lokalen Markt besser zu bedienen?
Nathan Marsh: Wir pflegen eine Reihe strategischer Allianzen und haben diese zuletzt mit unserem deutschen Team gezielt ausgebaut. Dazu zählen Bitkom, BuildingSmart Deutschland, der ‚Runde Tisch‘ im Geodaten-Umfeld, Kooperationen rund um Siemensstadt, die Smart Country Convention, Intergeo und die BIM World Munich. Besonders erfreulich ist die erneuerte und vertiefte Anbindung an diese Netzwerke – befeuert durch die zusätzlichen Infrastrukturmittel und durch die sichtbaren Potenziale unserer KI-fähigen Lösungen. Auf beiden Seiten ist spürbare Aufbruchstimmung. Erfolg werden wir aber nur als gemeinsame Community haben – und genau dort engagieren wir uns.
Abschließend: Welche mittelfristigen Ziele verfolgt Bentley im deutschen Markt – wo wollen Sie in drei bis fünf Jahren stehen?
Nathan Marsh: Wir stellen unsere Position in Deutschland klar neu auf. Als fokussierter Partner für Infrastruktur wollen und müssen wir die verantwortungsvolle, wirksame Verwendung der Mittel unterstützen – für die Modernisierung und den Neubau einer Infrastruktur, auf die Deutschland zu Recht stolz sein kann. Wir investieren gezielt, um eine führende Marktposition einzunehmen. Unser Auftrag ist klar: Wir wollen Behörden und öffentliche Betreiber bei der Erfüllung zentraler Mandate mit bewährter Software unterstützen, Risiken senken, Sicherheit und Leistung erhöhen und den langfristigen Asset-Wert steigern. Mit konsequenter Arbeit an unserem Geschäft, unseren Produkten, Lösungen und unserem wachsenden Engagement im deutschen Markt bin ich überzeugt, dass wir zur Standardplattform großer Infrastrukturprogramme werden – der bevorzugte Digital-Twin-Partner, der die digitale Transformation in Metro-, Verkehrs- und Klimaprojekten vorantreibt.
Wir bauen kommunale Partnerschaften aus. Initiativen wie der ‚Bauturbo‘ im Bauministerium unterstützen wir nach Kräften. Auch das neue Ministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung und der Bundesminister für digitale Transformation – mit dem erklärten Anspruch eines „neuen Kapitels“ und schneller Umsetzung – sind für uns ein klarer Auftrag, bereit zu stehen und proaktiv zu helfen. Dafür stärken wir unsere Teams, wachsen organisch und anorganisch, skalieren unsere Digital-Twin- und Bauangebote und treiben Innovationspartnerschaften voran. Nach den jüngsten Wochen mit fast 600 Kolleginnen, Kollegen und Partnern vor Ort in Deutschland habe ich das Gefühl: Wir waren nie präsenter als jetzt.
Stand: 16.12.2025
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